Zeit der Hausbesetzungen
West-Berlin im Frühjahr 1981. Zeit der illegalen Hausbesetzungen. Mit der Bewohnerin eines gerade erst „instandbesetzten“ Hauses in der Kreuzberger Admiralstraße 18 führe ich Malerarbeiten durch. Zwischendurch fahren wir – in Arbeitskleidung – in die Berliner Rankestraße, einer Seitenstraße des Kurfürstendamms bzw. des Tauentziens. Wir wollen aus einer Wohnung irgendetwas abholen.
Gastgeber Bernhard Heising in Berlin
Auf dem Rückweg gehen wir die Rankestraße entlang. Dann bleiben wir vor einem Lokal stehen, das auf den ersten Blick einem Sarggeschäft ähnelt. Die Vorhänge an den Fenstern wehren jeden Blick ins Innere der Räume ab. Es handelt sich um das Wein-Restaurant Heising. Später erfahren wir, dass es sich bei diesem Lokal um eine französische kulinarische Oase handelt. Ausgezeichnete französische Köche gewährleisten eine französische Küche. Das Menü-Angebot umfasst viele Positionen, so dass die Gäste nach Lust und Appetit variieren können. „Amuse-bouche“ zu Beginn und hausgemachte Pralinen zum Schluss gehören regelmäßig dazu.
Doch davon ahnen wir nichts, als sich plötzlich die Tür öffnet. Der Inhaber, Herr Bernhard Heising, tritt heraus und grüßt uns freundlich. Wir kommen ins Gespräch. Dann bittet uns Herr Heising in sein Restaurant.




Außen- und Innenansicht des Restaurants mit dem Ehepaar Heising (Aufnahmen von 2012)
„Aber das macht doch nichts“
Als wir wegen unserer stark verschmutzten Kleidung Bedenken äußern, antwortet Bernhard Heising: „Aber das macht doch nichts“. Wir treten ein. Im Kamin lodert ein Feuer. Herr Heising rückt zwei Sessel an den Kamin und bittet uns, Platz zu nehmen. Wir weisen erneut auf unsere verschmutzte Kleidung hin, und wir erhalten erneut die Antwort: „Aber das macht doch nichts“.
Nun bietet uns Herr Heising einen Aperitif an. Wir lehnen mit der Begründung ab, dass wir kein Geld dabei hätten. Und wieder antwortet Herr Heising: „Aber das macht doch nichts“. Bernhard Heising schenkt uns einen Sherry ein. Anschließend serviert er uns eine feine Suppe. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, und wir essen und trinken. Zum Schluss betont Herr Heising, dass wir ihm nichts schuldig seien. Wir werden freundlich verabschiedet.
Familie Heising
Wer seine Gäste so herzlich empfängt und bewirtet, kann kein üblicher Gastronom sein. Das Restaurant Heising war ein besonderer Ort, und Bernhard Heising war ein besonderer Gastgeber. Sein feines Lächeln hat sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. Und derSatz, den er bei unserer ersten Begegnung mehrfach wiederholte: „Aber das macht doch nichts“, werde ich nie vergessen. Bernhard Heising starb im Jahr 2017.
Bernhard Heising hatte diesen Ort gemeinsam mit seiner Ehefrau Edelgard geschaffen. Nach seinem Tod führte Edelgard Heising das Restaurant mit Unterstützung ihrer Tochter Franziska noch acht Jahre lang fort. Dann ließen die Kräfte der Witwe nach. Im Alter von 85 Jahren beendete Edelgard Heising ihre langjährige Tätigkeit. Seit dem 30. November 2025 ist das Restaurant dauerhaft geschlossen.
Bereits im alten West-Berlin war das Wein-Restaurant Heising eine Institution gewesen. Mit der Schließung dieses Lokals erleidet Berlin einen weiteren kulturellen Verlust.