Graf-Anton-Günther-Schule

Als Jugendlicher träumte ich davon, zur See zu fahren. Das lag auch an den Liedern von Hans Albers („Nimm mich mit, Kapitän“), Lale Andersen („Blaue Nacht am Hafen“) und Freddy Quinn („Junge, komm bald wieder“), die ich schon als Kind gern gehört hatte – und die mich noch heute anrühren. Filme wie der UFA-Klassiker „Große Freiheit Nr. 7” (mit Hans Albers) verstärkten meine Sehnsucht.

Die romantische Vorstellung von der Seefahrt und allem, was damit zusammenhängt, trieb mich in der Stadt, in der ich aufwuchs (Oldenburg i.O.), immer wieder zum alten Stadthafen mit den damaligen Lagerhäusern. Der Oldenburger Hafen ist sowohl ein Binnen- als auch ein Seehafen, denn Oldenburg ist über den Küstenkanal mit dem Rhein und über die Hunte mit der Nordsee verbunden. Deshalb können im Oldenburger Hafen sowohl Binnenschiffe als auch kleinere Seeschiffe („Kümos“) anlegen. Der Stadthafen wird in Oldenburg als „Stau“ bezeichnet. So heißt auch die Straße, die das ehemalige Gebiet der Lagerhäuser rund um den Hafen umschließt.

In meiner Jugendzeit wurden im Oldenburger Stadthafen Waren und Güter „gestaut“. Heute staut sich im alten Stadthafen nur noch das Wasser aus Hunte und Küstenkanal. Die alten Lagerhäuser und die Speichergebäude aus Backstein gibt es nicht mehr. Sie wurden abgerissen und durch langweilige Bürogebäude mit glatten Fassaden ersetzt. Seitdem werden Güter und Waren nur noch im östlichen, neu ausgebauten Teil des Hafens umgeschlagen bzw. gestaut. Dort stehen auch die Kräne, die einst an der Hafenstraße standen. Die ehemalige Hafenstraße wurde in „Hafenpromenade“ umbenannt.

Ab Frühjahr 1973, nach meinem 16. Geburtstag, durfte ich als Schüler in einem der Lager- und Umschlagbetriebe, die im Oldenburger Hafen ansässig waren, mitarbeiten. Es handelte sich um die „MIDGARD Deutsche Seeverkehrs-AG“. Deren Lagerhäuser befanden sich im vorderen Teil des Stadthafens. „MIDGARD“ wurde nach der Übernahme durch den RHENUS-Konzern in „RHENUS-MIDGARD“ umbenannt. Ich war Schüler der Graf-Anton-Günther-Schule (GAG) in Oldenburg.

Graf Anton Günther mit Pferd „Kranich“

Die Graf-Anton-Günther-Schule (GAG) befindet sich noch heute in der Schleusenstraße in Oldenburg, nur wenige Meter vom Küstenkanal entfernt. Bis Ende der 1970er Jahre wurden dort in erster Linie Schüler, die außerhalb der Stadtgrenze wohnten, aufgenommen, denn Schulträger war nicht die Stadt, sondern der Landkreis Oldenburg. Der Lehrbetrieb erfolgte ab der siebten Klasse. Damit sollte dem teilweise sehr langen Fahrtweg der Schüler Rechnung getragen werden.

Die ehemaligen Lehrer der Schule sehe ich deutlich vor mir: Helene Müller (Mathematik), den von mir besonders verehrten Klassenlehrer Wolfgang Schieke (Erdkunde, Deutsch), den Gründer des Oldenburger Jugendchores, Heinz Kanngießer (Musik), die Lehrer Ulrich Willenbücher (ebenfalls Deutsch), Karl Vogt (Kunst), Karl Scheller (Sport), den unter erhöhtem Blutdruck leidenden Bodo Semmler (Latein), Dr. Werner Storkebaum, der im Krieg aus einem Gefangenenlager geflohen war (Erdkunde), sowie die Lehrer Voigt oder Voget (Geschichte, Sport), Wieting (Physik), Heise, Ohlsen oder Olsen, Sternagel, Lothar Schwatlo, die Lehrerinnen Ilsemarie Primke (Biologie), Baltrusch und Hippert sowie die ehemaligen Schulleiter Hans Dumkow und Günther Solling.

Die Namen anderer ehemaliger Lehrer sind mir entfallen. Leider auch der Name des engagierten Studienassessors, der im Jahr 1969 das Fach Gemeinschaftskunde unterrichtete. Hieß er Steinmann oder Steinberg (nicht identisch mit dem Mathematik-Lehrer Günter Steinberg)? Auf den Unterricht dieses Lehrers freute ich mich in der siebten Klasse ebenso wie auf den Unterricht des Deutsch-Lehrers Wolfgang Schieke.

Ehemalige Hotel-Fassade

Wenn sich die Lehrer der Graf-Anton-Günther-Schule im kleinen Kreis vertraulich miteinander unterhalten bzw. abstimmen wollten, taten sie das in der Regel nicht im Lehrerzimmer der Schule, sondern konspirativ im Hotel Wieting am Damm. Das Hotel Wieting liegt nur wenige Schritte von der Graf-Anton-Günther-Schule entfernt an der Straße, die zur damaligen Cäcilien-Hubbrücke führte. Hier fühlten sich die Gesprächspartner vor Mithörern sicher. Das erfuhr ich Jahrzehnte später von der Senior-Chefin des Hotels Wieting.

Wenn ich meine alte Heimatstadt Oldenburg besuche und im Hotel Wieting übernachte, sehe ich die ehemaligen Lehrer der Graf-Anton-Günther-Schule vor mir, wie sie in einer Ecke des Gastraums in ein Gespräch versunken sind.

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