Oldenburger Hafenromantik

Im Leben gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, sondern auch viele Grautöne. Das habe ich als Jugendlicher in den Jahren 1973 bis 1977 auf besondere Weise erfahren. Durch meine Tätigkeit im Oldenburger Hafen lernte ich ein Milieu kennen, das mich faszinierte. Die Menschen, denen ich begegnete, hatten das Herz oft auf dem rechten Fleck. Ihnen ist diese Seite gewidmet.

Hans Albers & Große Freiheit

Als Jugendlicher träumte ich davon, zur See zu fahren. Das lag auch an den Liedern von Hans Albers („Nimm mich mit, Kapitän“), Lale Andersen („Blaue Nacht am Hafen“) und Freddy Quinn („Junge, komm bald wieder“), die ich bereits als Kind gern gehört hatte – und die mich noch heute anrühren. Filme wie der UFA-Klassiker „Große Freiheit Nr. 7” (mit Hans Albers) verstärkten meine Sehnsucht.

Hafen inmitten der Stadt

Die romantische Vorstellung von der Seefahrt und allem, was damit zusammenhängt, trieb mich in der Stadt, in der ich aufwuchs (Oldenburg i.O.), immer wieder zum Stadthafen mit den damaligen Lagerhäusern. Der Oldenburger Hafen ist sowohl ein Binnen- als auch ein Seehafen, denn Oldenburg ist über den Küstenkanal mit dem Rhein und über die Hunte mit der Nordsee verbunden. Deshalb können in Oldenburg sowohl Binnenschiffe als auch kleinere Seeschiffe („Kümos“) anlegen. Der Stadthafen wird in Oldenburg als „Stau“ bezeichnet. So heißt auch die Straße, die das ehemalige Gebiet der Lagerhäuser rund um den Hafen umschließt.

In meiner Jugendzeit wurden im Oldenburger Stadthafen Waren und Güter „gestaut“. Heute staut sich im alten Stadthafen nur noch das Wasser aus Hunte und Küstenkanal. Die alten Lagerhäuser und die Speichergebäude aus Backstein gibt es nicht mehr. Sie wurden abgerissen und durch langweilige Bürogebäude mit glatten Fassaden ersetzt. Seitdem werden Güter und Waren nur noch im östlichen, neu ausgebauten Industriehafen umgeschlagen bzw. „gestaut“. Dort stehen die Kräne, die einst an der Hafenstraße standen. Die Hafenstraße wurde in „Hafenpromenade“ umbenannt.

Ab Anfang 1973 arbeitete ich – zunächst als Schüler der Graf-Anton-Günther-Schule – in einem der Lager- und Umschlagbetriebe mit, die im Oldenburger Hafen ansässig waren. Es handelte sich um eine Niederlassung der „MIDGARD Deutsche Seeverkehrs-AG“, die kurz danach als „RHENUS-MIDGARD“ firmierte. Deren Lagerhäuser befanden sich an der Hafenstraße und an der Güterstraße. Wenige Monate später – im Sommer 1973 – musste ich die Schule verlassen. Mehr dazu unter: Graf-Anton-Günther-Schule.

Arbeit im Hafen

Als ich die Schule verließ, hatte ich nicht einmal den Hauptschulabschluss erreicht. Aber das war mir egal. In der Welt, in der ich leben wollte, kam es darauf nicht an. Das glaubte ich jedenfalls. Es war die Welt der Seeleute, Binnenschiffer und Hafenarbeiter. Bisher kannte ich von dieser Welt oberflächlich einen Teil. Nun lernte ich diesen Teil etwas besser kennen.

Die meisten Hafenarbeiter, die bei MIDGARD bzw. RHENUS Umschlagarbeiten ausführten, waren Tagelöhner. Der Zeitlohn betrug 5,27 DM brutto pro Stunde bzw. 42,16 DM brutto pro Tag (bei acht Arbeitsstunden ohne Pausen). Davon wurden aufgrund der gesetzlichen Abzüge rund 30 DM netto ausgezahlt. Das war schon damals wenig. Mehr verdienen konnte man nur, wenn nicht nach Zeit, sondern nach Leistung (Akkord) entlohnt wurde.

In den ersten Tagen wurde ich im Papierlager eingesetzt, das in einer ehemaligen Scheune an der Güterstraße, Ecke Stau, untergebracht war. Daneben befand sich der sogenannte „Kontakthof“ eines neu errichteten Bordells, das als „EROS-CENTER“ firmierte.

Im Papierlager lernte ich meinen Kollegen Peter Staschen kennen. Er war gelernter Tankwart. Wir hatten die Aufgabe, die Papierrollen in LKWs zu verladen. Das Lager unterstand Hans R., einem ehemaligen Knacki, mit dem ich mich anfangs nicht verstand. Das änderte sich, nachdem ich zu den Lagerhäusern an der Hafenstraße versetzt worden war. Hier legten Schiffe an, die Kunstdünger und Getreidemehl geladen hatten. Im Herbst und Winter legten auch Schiffe an, die mit Holz zu beladen waren. Das Holz stammte aus den Wäldern rund um Oldenburg und war für Skandinavien bestimmt.

Beim Verladen der Baumstämme war auf die Stabilität zu achten, um das Schiff nicht zu gefährden. Bei schlechter Ladequalität war die Gefahr groß, dass das Schiff kentern oder die Fracht verlieren würde. Jeder Baumstamm wurde von jeweils zwei Männern mit Hilfe kleiner Spitzhacken in die richtige Position gezogen. Die Spitzhacke musste kräftig eingeschlagen werden, damit sie nicht aus dem Holz herausrutschte. Andernfalls konnte man beim Ziehen eines Baumstammes leicht über Bord gehen. Da ich nicht so kräftig war wie meine Kollegen, passierte es einige Male, dass meine Spitzhacke heraus rutschte und ich rückwärts fiel. Aber ich hatte Glück. Ich fiel nur auf die hinter mir liegenden Baumstämme.

Akkordlohn

Im Akkordlohn konnte man das Dreifache des normalen Stundenlohns verdienen. Deshalb freute ich mich, als ich eines Tages einer Akkordkolonne zugewiesen wurde. Einer der Kollegen war nicht erschienen. Die Fracht eines Binnenschiffes, das 200 t Kunstdünger („Thomasmehl“) geladen hatte, musste in zehn Stunden gelöscht sein.

Die 200 t Kunstdünger setzten sich aus 4.000 Papiersäcken á 50 kg zusammen. Aufgrund meines Alters hätte ich nicht im Akkord arbeiten dürfen, aber das spielte jetzt keine Rolle.

Von den fünf Männern, die zusammen eine Akkordkolonne bildeten, arbeiteten zwei Männer im Schiff, zwei auf der Rampe am Waggon und einer, der die Karre fuhr, im Waggon. Im Frachtraum des Schiffes bewegte jeder der beiden Männer allein 2.000 Säcke pro Tag. Sie packten jeweils drei Stapel zu 8, 9 und 8 Säcken (zusammen 25 Säcke) auf eine Plane zu einem „Hiev“, der vom Kran auf die Rampe des Waggons befördert wurde. Die beiden Männer auf der Rampe luden jeden der 4.000 Säcke zu zweit auf die Sackkarre, die der fünfte Mann fahren und abkippen musste. Das war schwieriger als es aussah, denn die Sackkarre musste mit Geschick abgekippt werden, damit alle 20 „Hievs“ mit insgesamt 500 Zentner-Säcken (insgesamt also 25 t) im Waggon Platz fanden.

Thomasmehl war zu je 50 kg, Getreidemehl sogar zu je 60 kg in Papiersäcke verpackt. Unangenehm waren die Säcke, die Harnstoff-Kristalle enthielten. Sie wogen 60 kg, waren aber schwerer zu greifen, da es sich um Plastiksäcke handelte, die leicht aus der Hand rutschten. Da die Hände mit den Harnkristallen in Kontakt, brannte es auf der Haut. Handschuhe waren keine Lösung, weil man die Plastiksäcke dann erst recht nicht hätte greifen können.

Mein Platz in der Kolonne

Mein Platz in der Akkordkolonne war auf der „Rampe“. Gemeinsam mit einem Kollegen packte ich die Säcke, die der Kran auf der Rampe abgeladen hatte, auf die Sackkarre, die von dem fünften Mann gefahren wurde. Am ersten Tag in der Kolonne machte ich nach dem dritten Waggon (also nach immerhin insgesamt 1.500 Säcken) „schlapp“. Daraufhin reichte mit der Vorarbeiter eine Zigarette: eine »Reval« ohne Filter. Das empfand ich als Ritterschlag. Ich durfte bleiben.

Kurz danach wurde ich von den Kollegen „getauft“. Die Kollegen packten mich an Händen und Füßen und warfen mich mit Schwung – und allen Klamotten – ins Hafenbecken. Erst jetzt gehörte ich wirklich „dazu“ – obwohl ich für die Kollegen der Akkordkolonne nur der „Ersatzmann“ war.

Schlafen im Lagerschuppen

Der Akkordlohn war schwer verdientes Geld. Umso unbegreiflicher war es, wie einige Hafenarbeiter mit dem Geld umgingen. Manche von ihnen waren schon am nächsten Morgen „blank“. Wer nachts den Weg nicht nach Hause fand oder wegen Mietschulden vorübergehend kein Zuhause (oft nur ein möbliertes Zimmer) hatte, suchte sich seinen Schlafplatz in dem Lagerschuppen, der uns als Aufenthaltsraum zur Verfügung stand. Pappen dienten als Matratze. Eine Zeitlang gehörte auch ich zu den Schlafgästen – wenn auch aus anderen Gründen.

Die begehrtesten Schlafplätze befanden sich im hinteren, unbeleuchteten Teil des Schuppens. Im Raum davor lagen diejenigen, die weniger privilegiert waren. Sie mussten hinnehmen, von den „Spätheimkehrern“ gestört zu werden. Mein eigener Schlafplatz war direkt neben der Tür.

Badeanstalt an der Huntestraße

Roland Wehl
Alte Städtische Badeanstalt

Den Arbeitern standen im Hafen nur Waschbecken zur Verfügung. Wer sich nicht zu Hause baden oder duschen konnte, suchte am Samstag die alte Städtische Badeanstalt an der Huntestraße auf. Dort gab es Kabinen mit Badewannen. Damals verfügten noch längst nicht alle Wohnungen in Oldenburg über ein Badezimmer. Die Badeanstalt verfügte auch über ein kleines Hallenbad. Darin hatte ich als Kind Schwimmen gelernt. In der Zeit, in der ich die Graf-Anton-Günther-Schule besuchte, fand hier im Winter der Sport- bzw. Schwimmunterricht statt.

Wie schnell man sich an Dreck und Gestank gewöhnen kann, erfuhr ich bei meinem kurzzeitigen Einsatz in einem anderen Umschlagbetrieb, der weiter östlich gelegen war. Dorthin war ich gewechselt, als es bei MIDGARD-RHENUS für Tagelöhner nichts tun gab. In dem neuen Betrieb hatte ich die Aufgabe, Papiersäcke mit Fischmehl zu füllen. Die Papiersäcke band ich an einen Trichter, aus dem das Fischmehl herauslief. Es ging viel Fischmehl „daneben“, so dass ich kniehoch in der stinkenden Masse stand. An einem Abend, an dem ich mit einer Freundin verabredet war, sprühte ich mich vorher kräftig mit einem Deodorant ein. Ich wollte den Geruch des Fischmehls überdecken. Aber das war ein Fehler. Die Kombination von Fischmehl und Parfüm hatte den Gestank für „normale Nasen“ ins Unerträgliche gesteigert. Aber das empfand ich nicht so. Ich selbst hatte mich längst an den Gestank gewöhnt.

Meine Kollegen im Hafen

Meine Kollegen waren deutlich älter als ich: Peter Staschen, der immer einen Witz auf der Zunge hatte, August Hechler, der ebenso wie ich für Hans Albers schwärmte, Hans R., der zeitweise das Papierlager leitete, Klaus Schumann, der aus der DDR geflohen war, der zahnlose „Fuzzi“, mein Mitbewohner Rolf O., der später wegen Mordes verurteilt wurde, sowie Erich Salatzkat, Ronny, Willi, die vier Oltmann-Brüder und viele andere, deren Namen ich vergessen habe.

Die Oltmann-Brüder waren „Arbeitsmaschinen“. Einige von ihnen wohnten in Wardenburg, andere in einem der Dörfer, die auf „-fehn“ enden (Merkmal für Siedlungen im Moor, die einst entwässert werden mussten). Die Oltmann-Brüder erschienen im Hafen nur an Tagen, an denen Schiffe im Akkord zu entladen waren. Der Stundenlohn kam für sie nicht in Frage. Da gingen sie lieber ins Moor, um Torf zu stechen.

Die altgedienten Kollegen bei MIDGARD-RHENUS waren nicht „Tagelöhner“, sondern „Wochenlöhner“. Für sie war jeden Freitag Zahltag. Ein „Wochenlöhner“ war Erich Salatzkat. Er wohnte mit seiner Familie im ersten Stock eines Geschäftshauses am Markt 2, gegenüber dem Rathaus. Manchmal lud er mich zu sich nach Hause zum Abendbrot ein. Ich erinnere mich an seine Ehefrau, an mehrere Kinder und an einen Schwiegersohn, der später einen Arbeitsunfall erlitt und eine hohe Entschädigung erhielt, die zum Erwerb eines Hauses genutzt wurde. Ein anderer Wochenlöhner, an den ich mich lebhaft erinnere, war der alte Karl. Er hatte ein Glasauge und verwaltete das „Giftlager“, das sich im Kellergewölbe eines Speichergebäudes befand. Karl besaß ein Pony und eine kleine Kutsche, in die er sich nach heftigem Alkoholgenuss fallen ließ. Das Pony brachte den Besitzer selbständig nach Hause.

Der Hafen zog auch Menschen an, deren Leben keinen geraden Verlauf genommen hatte. Dazu gehören auch einige der Personen, die ich nachfolgend etwas näher beschreibe.

Der barmherzige „Hannes“

Im Lagerschuppen und auf dem Hafengelände sorgte Johannes Retzkowski, genannt „Hannes“, mit seinem Besen für Ordnung. Er war Rentner und verdiente sich als Kalfaktor bei MIDGARD-RHENUS mit kleinen Hilfsarbeiten ein Zubrot. „Hannes“ war von Beruf Eisenbieger bzw. Eisenflechter gewesen.

Johannes Retzkowski bzw. „Hannes“ wurde 1909 geboren und starb im Jahr 1995, wenige Tage vor seinem 86. Geburtstag. Von den zwölf Jahren des sogenannten „Dritten Reichs“ hatte er sechs Jahre in Gefangenschaft verbracht. Er saß von Juni 1937 bis Juni 1938 in Vechta im Gefängnis und wurde von dort in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Erst im Sommer 1943 wurde Johannes Retzkowski aus dem KZ entlassen. Das NS-System brauchte Soldaten.

Über die Gründe, die zu seiner Inhaftierung bzw. zu der Einweisung in das KZ geführt hatten, sprach Johannes Retzkowski nicht mit uns. Nach den Regeln des NS-Systems galt er als „arbeitsscheu“. So steht es jedenfalls auf der Karteikarte, die im KZ Buchenwald angelegt wurde. Für meine Kollegen und mich war „Hannes“ das Gegenteil: fleißig und eine Seele von Mensch. „Hannes“ wirkte zwar skurril, nahm uns aber alle für sich ein, denn er war hilfsbereit, und er hatte ein großes Herz.

Ich erinnere mich, dass „Hannes“ in einer Batterie von Eimern tagelang Schmutzwäsche für sich und die Kollegen einweichte. Das Waschergebnis war verblüffend gut. Hin und wieder kochte „Hannes“ auch für uns. Er wohnte anfangs in einem Schuppen auf dem Hafengelände. Später verfügte er über Wohnräume im Helmsweg und danach in der Johannisstraße in Häusern, die sich in keinem guten Zustand befanden. Dort nahm der barmherzige „Hannes“ immer wieder Personen auf, die bedürftig waren.

Am Neujahrsmorgen 1974 servierte uns „Hannes“ im hinteren Teil der Scheune, in der sich das Papierlager befand, eine Suppe, die er aus Hasenpfoten gekocht hatte. Wir hatten hier die Silverster-Nacht zugebracht, nachdem wir eine kirchliche Veranstaltung besucht und uns dort kostenlos sattgegessen hatten. Die Männer hatten sich erst geziert, dann aber überreden lassen. Allen war das Geld ausgegangen, weil aufgrund des Winterwetters keine Schiffe im Hafen lagen. Es war klirrend kalt. Der Ofen, der sich in dem Raum befand, wurde von uns mit Holz befeuert. „Hannes“ war nicht mitgekommen, als wir die kirchliche Veranstaltung besuchten. Er hatte begonnen, die Suppe zu kochen. Zuvor hatte er eine Flasche Schnaps aufgetrieben und sie während des Kochens und in der Nacht – während wir schliefen – geleert. Es lag wohl am Schnaps, dass im Topf alles gelandet war, was „Hannes“ unter die Hände gekommen war. Sogar ein Fetzen Stoff schwamm darin. Einer der Männer hatte den Fetzen plötzlich im Mund. Das minderte aber nicht unseren Appetit.

Kollege Hans R.

Hans R. war Anfang 1973 Chef des Papierlagers. Er war von Beruf Bergmann und zu der Zeit, als ich ihm unterstand, 29 Jahre alt. Aufgrund eines Verkehrsunfalls mit Todesfolge, den er schuldhaft verursacht hatte, war er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Nachdem er die Strafe verbüßt hatte, kehrte Hans R. nicht in den erlernten Beruf als Bergmann zurück. Stattdessen reiste er mit einer Oldenburger Schaustellerfamilie, bei der er lebte, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Im Jahr 1972 wechselte Hans R. als Tagelöhner zu MIDGARD-RHENUS. Schon bald stieg Hans R. in der betrieblichen Hierarchie auf. Nachdem er Wochenlöhner geworden war, wurde ihm die Leitung des Seifenlagers und später auch die Leitung des Papierlagers anvertraut. Als ich zu Beginn meiner Tätigkeit im Papierlager eingesetzt wurde, war er mein Vorgesetzter.

Hans R. (links) und ich 1977 in Oldenburg

Hans R. war pflichtbewusst und erledigte die Arbeit zur Zufriedenheit der Vorgesetzten. Er wollte sich eine „bürgerliche Existenz“ aufbauen. Im Herbst 1973 verlobte sich Hans R. mit Heike N. aus Rastede. Doch die Beziehung ging nach wenigen Monaten in die Brüche. Und der Arbeitgeber entband ihn plötzlich von der Funktion als Lagerverwalter. Lag das daran, dass sich das Verhalten von Hans R. nach der „Entlobung“ geändert hatte? Oder daran, dass der Arbeitgeber erst jetzt von seiner Vorstrafe erfahren hatte? Der Traum von der „bürgerlichen Existenz“ war jedenfalls erst einmal geplatzt. Hans R. verübte darauf hin etliche Einbrüche. Er brach auch bei seinem Arbeitgeber, der Firma MIDGARD-RHENUS, ein. Das führte die Polizei auf seine Spur.

Hans R. wurde aufgrund der Einbrüche zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt, die er in der JVA Hannover verbüßte. Nach einigen Monaten bestand für ihn erstmals die Möglichkeit eines eintägigen Hafturlaubs. Dafür benötigte er eine von der JVA anerkannte „Bezugsperson“. Hans R. bat mich, dafür zur Verfügung zu stehen. Ich willigte ein. Per Anhalter fuhr ich nach Hannover, um Hans R. in Empfang zu nehmen. Ich hatte mich verpflichtet, den Gefangenen abzuholen, zu begleiten und zurückzubringen.

Hans R. absolvierte im Gefängnis eine Ausbildung zum Schlosser. Zu Weihnachten schenkte er mir einen riesigen Kerzenständer, der von ihm geschmiedet worden war. Im neuen Jahr erhielt Hans R. sogar für mehrere Tage Urlaub, die er bei mir in Oldenburg verbrachte. Er durfte allein per Bahn nach Oldenburg kommen. Hans R. beendete seine Ausbildung zum Schlosser mit gutem Ergebnis und wurde 1977 aus der Haft entlassen.

Kollege Rolf O.

Auch Rolf O. arbeitete bei MIDGARD-RHENUS im Hafen. Er war von Beruf Maurer und 16 Jahre älter als ich. Ich lernte Rolf O. kennen, kurz bevor meine Ausbildung in der Eduard Beyer Glasformenfabrik begann. Rolf O. war Wittwer und Vater von zwei Kindern, die jedoch getrennt von ihm in einem Kinderheim lebten. Nachdem ich 18 Jahre alt geworden war, zogen Rolf O. und ich gemeinsam in eine Wohnung in der Schulstraße 9 im Stadtteil Osternburg. Die Wohnung lag im Erdgeschoss. Ohne Badezimmer bzw. Dusche. Waschen konnte man sich nur in der Küche.

Rolf O. auf dem Kramermarkt 1974

Ich erlebte Rolf O. als Mitbewohner von einer Seite, die ich bei ihm als Arbeitskollegen nicht bemerkt hatte. Rolf O. trank mehr, als ihm guttat. Er erzählte mir wiederholt dieselbe Geschichte von seiner verstorbenen Ehefrau und seinen Kindern. Die Kinder waren ihm aufgrund seiner Trunksucht weggenommen worden. Rolf O. schien unter dieser Trennung sehr zu leiden.

Unsere Wohngemeinschaft endete, nachdem Rolf O. mir einen Bankscheck gestohlen, meine Unterschrift gefälscht und mein Konto geleert hatte. Daraufhin schloss ich ihn aus der Wohnung aus. Ein paar Tage später sah mein Vermieter, dass Rolf O. in der Dunkelheit vor meinem Küchenfenster stand und mich beobachtete. In der Nacht hörte ich Geräusche. Rolf O. wollte das Fenster zu dem Zimmer, das er bewohnt hatte, aufbrechen. Da er betrunken war, geschah das nicht geräuschlos. Ich konnte Rolf O. vertreiben. Zwei Monate später zog ich aus der Wohnung aus.

Woanders hatte Rolf O. mehr Erfolg. Anfang 1977 berichtete die Oldenburger Nordwest-Zeitung (NWZ), dass Rolf O. gestanden hatte, einen Rentner mit den Händen gewürgt, danach mit dem Gürtel erdrosselt und anschließend ausgeraubt zu haben. Ihm wurden auch zahlreiche Einbrüche nachgewiesen. Er kam in Oldenburg in Untersuchungshaft.

Nordwest-Zeitung (NWZ) vom 20.12.1977

Als ich einige Wochen später die Haftanstalt aufsuchte, um einen anderen Gefangenen zu besuchen, begegnete ich Rolf O. zum letzten Mal. Während ich im Besucherraum wartete, spazierte Rolf O. plötzlich mit einem Besen herein. Ich rechnete mit einem Angriff, denn wir waren allein. Doch Rolf O. fegte nur den Fußboden. Keiner von uns sprach ein Wort.

Rolf O. wurde Ende 1977 verurteilt. Das Gericht sprach von „kaltblütigem“ Mord, verurteilte ihn jedoch nicht zu lebenslangem, sondern zu 15-jährigem Freiheitsentzug. Man ging davon aus, dass Rolf O. zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss gestanden hatte. In nüchternem Zustand hatte ich Rolf O. als braven Kerl erlebt. War er nur deshalb zum Trinker geworden, weil er seine Ehefrau verloren hatte? War das die Erklärung, warum er schließlich sogar getötet hatte?

Kollege Klaus S.

Klaus S. (verstorben) war ein ehemaliger DDR-Boxer. Er war mit Rita (ebenfalls verstorben) verheiratet. Rita war als Prostituierte tätig, wurde am Stau aber verächtlich als „alte Fregatte“ bezeichnet. Obwohl sie erst Mitte 40 war, sah sie deutlich älter aus. Nicht nur verlebt, sondern verbraucht. Doch auch Rita hatte ihr Herz oft am rechten Fleck.

Oldenburger Nordwest-Zeitung (NWZ) vom 11.05.1973

Klaus S. war im Mai 1973 wegen schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er hatte sich monatelang durch das Oldenburger Rotlicht-Milieu geprügelt. Der Versuch, ihn Anfang 1972 zu verhaften, soll unter den damaligen Kollegen am Hafen Heiterkeit ausgelöst haben. So wurde es mir erzählt.

An einem Tag, an dem wieder einmal „Thomasmehl“ entladen wurde, seien zwei Polizisten erschienen, um Klaus S. zu verhaften. Einen Arbeiter, der gerade aus dem Frachtraum des Schiffes gestiegen sei, hätten sie gefragt, wo sie Klaus S. finden könnten. Das Gesicht des Arbeiters sei durch das Thomasmehl so geschwärzt gewesen, dass die Polizisten die Person nicht erkannt hätten. Es sei Klaus S. selbst gewesen. Er hätte die Polizisten zu den hinteren Lagerhäusern geschickt. Während die Polizisten in die angegebene Richtung gelaufen seien, habe sich Klaus S. in der entgegengesetzten Richtung aus dem Staub gemacht. Erst Wochen später sei er gefasst worden.

Bei der Urteilsverkündung blieb ihm die zunächst angedrohte Sicherheitsverwahrung erspart. Kein „Aus für Klaus“. Im Gegenteil: Klaus S. wurde bereits Ende 1974 wieder aus dem Gefängnis entlassen. Doch mit der Freiheit kam er nicht zurecht. Er prügelte sich erneut durch das Rotlicht-Milieu und vergriff sich auch an Frauen, die dort tätig waren. Im Jahr 1976 fuhr Klaus S. erneut „ein“. Diesmal für sehr lange Zeit.

Exkurs: Dina N. und die Sucht

Der „Schläger“ Klaus S. besaß auch eine fürsorgliche Seite. Anfang 1975 fragte er mich, ob ich einer Frau, die sich in kaufmännischer Ausbildung befand, helfen könne. Die Frau hieß Dina N. und war 31 Jahre alt. Sie war eine attraktive Erscheinung. Ihre Kleider schienen nicht „von der Stange“ zu sein. Auf der Straße zog sie die Blicke auf sich.

Als ich Dina N. das erste Mal besuchte, sollte es noch um Buchungssätze gehen. Ich stand am Anfang meiner Ausbildung (siehe Kapitel „Kaufmann statt Seemann“) und verfügte selbst erst über geringe kaufmännische Kenntnisse. Aber das spielte keine Rolle, denn das größere Problem, das Dina N. hatte, war der Alkohol.

Dina N. war verheiratet gewesen, doch die Ehe war nach einem Jahr zerbrochen. War das eine Folge der Alkoholsucht gewesen, oder war die Sucht eine Folge der Trennung? Die Hilfe, die Dina N. benötigt hätte, fand sie bei mir nicht. Als sie eines Tages nicht die Tür öffnete, rief ich die Polizei. Dina N. hatte ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt.

Vorarbeiter Heinz Schönnagel

Der Vorarbeiter bei MIDGARD-RHENUS, Heinz Schönnagel (verstorben), war nicht nur mein Vorgesetzter, sondern auch ein „väterlicher Freund“. Seine Autorität wurde von allen Arbeitskollegen anerkannt, denn sie wussten, dass sie sich auf ihn verlassen konnten. Er hatte sich immer wieder für ihre Interessen eingesetzt. Allerdings wurde ihm das nicht immer ausreichend gedankt. Mir erschien er wie eine Mischung aus John Wayne und Gary Cooper („12 Uhr Mittags“), zumal er dem Letztgenannten auch äußerlich ähnelte.

Heinz Schönnagel hielt oft seine Hand schützend über mich – trotz genügend eigener Sorgen: Nachdem sein einziges Kind tödlich verunglückt war, verlor er durch eine Krankheit auch früh seine Ehefrau. Er verbrachte die letzten Arbeitsjahre an der Lkw-Waage des Oldenburger Hafenbetriebs „RHEIN-UMSCHLAG“ und starb viel zu früh. Er war ein ungewöhnlicher Vorgesetzter – und ein guter Kamerad. Einmal überschritt sein Wohlwollen sogar die Grenze des Erlaubten. Es war zu Beginn meiner späteren Berufsausbildung.

Wenige Tage nach Beginn der Ausbildung hielt ich mich erstmals wieder am Hafen auf. Als Heinz Schönnagel, der Vorarbeiter, mich sah, verpasste er mir einen „Anschiss“: Wo ich gesteckt hätte, und warum ich meinen Lohn nicht abholen würde? Die Leute im Kontor würden sich schon wundern.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was Heinz Schönnagel meinte. Er hatte mich eine Woche lang jeden Morgen als Arbeitskraft gemeldet, obwohl er wusste, dass ich nicht anwesend war und – aufgrund meiner Ausbildung – auch nicht anwesend sein konnte. „Ab ins Kontor“, befahl er mit donnernder Stimme. Dort wurde mir der Lohn, den ich nicht verdient hatte, tatsächlich ausgezahlt. Wohl fühlte ich mich dabei nicht. Warum hatte Heinz Schönnagel das getan? Ich habe ihn nie gefragt. Heinz Schönnagel starb 1992. Er wurde nur 67 Jahre alt.

Exkurs: Kaufmann statt Seemann

Lange Zeit hatte ich mir gewünscht, zur See zu fahren. Im Sommer 1973 suchte ich die Heuerstelle Brake auf, um mir ein Seefahrtsbuch („Seeleute-Ausweis“) ausstellen zu lassen. Ich hätte als Deckshelfer auf einem Frachtschiff anmustern können. Doch daraus wurde nichts. Mir fehlte die elterliche Zustimmung, da ich mit 16 Jahren noch nicht volljährig war. Ein Jahr später begrub ich den Berufswunsch. Jetzt wollte ich Journalist werden.

Ein Zeitungsredakteur hatte mir den Floh ins Ohr gesetzt. Er sah nicht den Seemann, sondern einen Journalisten in mir. Wie er darauf kam, ist eine andere Geschichte. Bei der „Nordwest-Zeitung“ (NWZ) bewarb ich mich für ein Volontariat. Doch der Chefredakteur der Zeitung, Bodo Schulte, hielt mich für zu jung (Bild). Er gab mir den Rat, zunächst eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren. Diesen Rat befolgte ich.

Die kaufmännische Ausbildung erhielt ich in der Eduard Beyer Glasformenfabrik. Der Firmeninhaber, Frank Backmann, war ein ungewöhnlicher Chef, mit dem man über Gott und die Welt sprechen konnte. Er sah darüber hinweg, dass ich keinen Schulabschluss besaß. An ihn und an den Berufsschullehrer Hermann de Millas denke ich gerne zurück. Hermann de Millas war ein „Menschenfänger“, der die Schüler begeistern konnte. An meinem 50. Geburtstag sahen wir uns erstmals wieder.

Mit der kaufmännischen Ausbildung waren die Weichen für mich gestellt. Ich wurde Kaufmann – und bin es geblieben. Doch meine Sehnsucht nach allem, was mit der Seefahrt zu tun hat, blieb bestehen. Auch als Lehrling hielt ich mich regelmäßig am Oldenburger Hafen und in dessen Umfeld auf. Hier traf ich die Kollegen von „MIDGARD-RHENUS“ und andere Personen, mit denen ich inzwischen vertraut war. Und wenn ausnahmsweise an einem Samstag ein Schiff zu entladen und Not am Mann war, half ich weiterhin als „Ersatzmann“ aus.

„HOLSTEN-ECK“ am Hafen

Durch die Tätigkeit im Hafen war ich Stammgast im Lokal „HOLSTEN-ECK“ geworden. Es befand sich im „Kaiserhaus“ am Stau, Ecke Kaiserstraße. Dort kehrte ich seit Anfang 1973 regelmäßig ein. Die Gaststätte gehörte Franz Scharmann und seinem Sohn Kurt Scharmann. Vater und Sohn sorgten dafür, dass alles mit rechten Dingen zuging. Es herrschte eine familiäre Atmosphäre, weil sich die meisten Gäste kannten.

Durch einen Autounfall verlor Franz Scharmann im Jahr 1975 einen Teil seiner körperlichen und sprachlichen Fähigkeiten. Das hatte auch Folgen für das Lokal. Nach drei Jahren gaben Franz und Kurt Scharmann das „HOLSTEN-ECK“ auf. Damit ging dem Oldenburger Hafen-Milieu eine „Institution“ verloren.

Verdiente Niederlage

Der Hafen und dessen Milieu faszinierten mich. Ein Gast, der im „HOLSTEN-ECK“ verkehrte, nahm mich Ende 1973 zum Box-Training mit. Schon drei Monate später – ich war 16 Jahre alt – stand ich bei einer öffentlichen Box-Veranstaltung im Ring. Es war keine offizielle Veranstaltung des Box-Verbandes. Deshalb konnte man hinsichtlich der Regeln ein Auge zudrücken.

Die Veranstaltung fand in einer Gaststätte statt. Der vorgesehene Gegner – ein Anfänger wie ich und gleich alt – war kurzfristig erkrankt. Um die Zahl der angekündigten Kämpfe einzuhalten, trat ich ersatzweise gegen einen Gegner an, der bereits mehrere Kämpfe bestritten hatte, einer höheren Altersklasse angehörte und mehr Gewicht auf die Waage brachte. Das widersprach zwar den Regeln, aber darüber setzte man sich – zugunsten der Zuschauer – großzügig hinweg.

Schwaden von Tabakrauch hingen in der Luft des Saales, in dem der Boxring stand. Bereits in der ersten Runde wurde ich von meinem Gegner regelrecht verprügelt. Als ich zu Boden ging und bewusstlos liegen blieb, warf mein Trainer das Handtuch, so dass es „nur“ zu einem technischen K.O kam. Die Sekunden davor habe ich nicht vergessen: Erst wurde mir schwarz vor Augen, dann verstummte der Lärm um mich herum.

Die Niederlage war verdient, denn gegen diesen Gegner hatte ich keine Chance gehabt. Meine Nase, die der Gegner in eine Schieflage gedrückt hatte, wurde von mir am nächsten Morgen vor dem Spiegel zurecht gebogen. Das Atmen durch die Nase fiel mir aber weiterhin schwer. Das änderte sich erst nach mehr als zwei Jahren – im Sommer 1976 – durch eine Operation (Bild). Inzwischen war ich 19 Jahre alt. Vom Boxsport hatte ich mich zuvor verabschiedet und mir einen Bart wachsen lassen.

Heidi T. und der Zuhälter

Einige Monate nach der Niederlage im Boxring erlebte ich eine Situation, die ich als noch größere Niederlage empfand. Aber davon ahnte ich nichts, als ich Heidi T. kennenlernte. Sie war sieben Jahre älter als ich und bis vor kurzem in Hamburg auf den Strich gegangen. Von ihrem Zuhälter war sie nicht gut behandelt worden. Deshalb war Heidi T. aus Hamburg geflohen und in Oldenburg „gestrandet“. Hier wiegte sie sich in Sicherheit.

Heidi T. arbeitete jetzt im „HOLSTEN-ECK“. Franz Scharmann, der Wirt, hatte ihr in der Wohnung, die über dem Lokal lag, ein Zimmer zur Verfügung gestellt. Anfang Juli 1974 bezog Heidi T. eine Wohnung in der Grünen Straße. Als wir einige Wochen später – Ende August 1974 – nachts die nahe gelegene Imbissbude am Heiligengeistwall („Wurst-Maxe“) aufsuchten, erwartete uns eine Überraschung. Der Hamburger Zuhälter und ein weiterer Mann standen uns plötzlich gegenüber. Ich stellte mich vor Heidi T., die sofort flüchtete.

Imbissbude „Wurst-Maxe“

Die Imbissbude (Bild) besaß ein Vorzelt, das die Gäste vor Wind und Regen schützen sollte. In dem Zelt war es so eng, dass den Männern der Weg versperrt war, als ich vor ihnen stand. Aber das schützte Heidi T. nicht vor einer Verfolgung. Mit einem Schlag räumte mich einer der beiden Männer beiseite, so dass der Weg frei war. Damit schwebte Heidi T. in großer Gefahr, denn ihr Zeitvorsprung war nur gering.

Der Zwischenfall in der Imbissbude dauerte nur wenige Sekunden. Umso länger fühlte sich die Zeit danach an. Nachdem ich mich „aufgerappelt“ hatte, wollte ich den Männern folgen. Doch sie waren nicht mehr zu sehen. Deshalb lief ich zu Heidis Wohnung. Heidi T. war den Verfolgern, die anscheinend nicht ihre Adresse kannten, in der Dunkelheit entkommen. Sie hatte sich erst eine Weile versteckt, bevor sie es gewagt hatte, ihre Wohnung aufzusuchen.

Die nächtliche Begegnung mit dem Zuhälter wurde zu einer Zäsur. Heidi T. gab ihre Tätigkeit im „HOLSTEN-ECK“ auf und unterzog sich kurz danach einem medizinischen Eingriff. Als ich sie im Evangelischen Krankenhaus besuchte, saß ein gut gekleideter Verehrer mittleren Alters an ihrem Krankenbett. Dieser Krankenbesuch war die letzte Begegnung mit Heidi T. Wir sahen uns nie wieder.

„GOLDENER ANKER“ am Hafen

Im „HOLSTEN-ECK“ verkehrten auch die Männer, deren Frauen am Stau „anschafften“.

Während die Frauen ihrem Gewerbe nachgingen, vertrieben sich deren Männer die Zeit auf andere Weise. An Jürgen L., Gert O., Klaus T. und deren Frauen erinnere ich mich gut. Sie gingen sehr respektvoll miteinander um. Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, als hätten die Frauen die Hosen an. Gert O. fiel mir besonders auf. Er war gelernter Kellner und eine vornehme Erscheinung. Gert O. war mit Ilse verheiratet. Im Jahr 1977 gab Ilse ihr Gewerbe auf. Das Ehepaar zog nach Wilhelmshaven und übernahm ein Lokal.

Ilse O. und andere Frauen hatten im „GOLDENEN ANKER“ Zimmer gemietet, um ihr Gewerbe „stationär“ auszuüben. Der „GOLDENE ANKER“ war eine einfache Hafenkneipe gewesen, aber durch die Zimmer-Vermietung zum Bordell geworden. Es gab zwölf Zimmer. Die meisten Frauen, die auf den Strich gingen, übten ihre Tätigkeit in den Autos der Freier oder auf dem offen zugänglichen Hafengelände aus. Die Frauen im EROS-CENTER an der Ankerstraße, Ecke Güterstraße, waren eine eigene Liga. Sie gingen nicht auf den „Straßen-Strich“.

Wiederbegegnung

Jürgen L. war einer derjenigen Männer, deren Ehefrauen am Stau „anschafften“und im „GOLDENEN ANKER“ über ein Zimmer verfügten. Ich traf ihn 20 Jahre später in Berlin wieder, als ich mit dem Fahrrad die Otto-Suhr-Allee entlang fuhr. Wir staunten beide, als wir uns plötzlich gegenüber standen. Nach dem Tod seiner Ehefrau hatte sich Jürgen L. aus dem früheren „Milieu“ verabschiedet. Er war nach Berlin gezogen und hatte neu geheiratet. Jürgen L. wurde 66 Jahre alt. Er starb im Jahr 2004. Das Bild stammt aus demselben Jahr.

Umzug nach Berlin und Heirat

Mit Akkordeon, 1976

Das „HOLSTEN-ECK“ besuchte ich fast jede Woche. Als ich einmal mein Akkordeon dabei hatte und auf Wunsch einiger Gäste das Lied „La Paloma“ anstimmte, schaute mich eine junge Frau vergnügt an. Es war ihre erste Arbeitswoche. Bald darauf wurden wir ein Paar. Das war im Jahr 1976. Wir waren beide 19 Jahre alt. Ein Jahr später zogen wir nach Berlin und heirateten.

Unsere Hochzeit feierten wir in der Wohnung von Greta und Henning Eichberg. Vielleicht waren wir noch zu jung für die Ehe. Nach nicht einmal zwei Jahren trennten wir uns.

Rückblick und Fazit

Seitdem ich aus Oldenburg weggezogen bin, hat sich die Gegend rund um den Stadthafen stark verändert. Den Umschlagbetrieb, in dem ich damals tätig war (MIDGARD-RHENUS) und die ehemaligen Speicher und Backstein-Gebäude gibt es seit den 1980er Jahren nicht mehr. Der Güterumschlag findet weiter östlich im neu ausgebauten Hafen statt. Der alte Stadthafen wird für andere Zwecke genutzt. Wo einst die Ladungen der Frachtschiffe „gelöscht“ wurden, liegen jetzt nur noch Segelboote und Yachten. Und in den ehemaligen Räumen des Hafenmeisters befindet sich ein Restaurant.

Ausgebauter Hafen im Ostteil der Stadt Oldenburg
Mit dem Abriss der alten Speicher verlor der Hafen einen Teil seiner Seele.

An die Menschen, denen ich in den Jahren 1973 bis 1977 im Oldenburger Hafen und dessen Umfeld begegnet bin, denke ich oft mit Wehmut zurück. Das gilt vor allem für den fürsorglichen Heinz Schönnagel, meinen ehemaligen Vorarbeiter bei MIDGARD-RHENUS.

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