Aufgewachsen bin ich in einer fünfköpfigen Familie mit zwei älteren Geschwistern. Unsere Eltern gehörten zu den mehr als 12 Mio. Deutschen, die im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren hatten. Sie lernten sich in einem Kriegsgefangenen-Lager kennen. Nach ihrer Entlassung wurde ihnen die Stadt Oldenburg als Wohnort zugewiesen. Unsere Eltern erhielten ein Zimmer im Souterrain eines Hauses in der Bachstraße, das nur einen Steinwurf entfernt war von dem Grundstück, auf dem einige Jahre später ein neues Gebäude für die Graf-Anton-Günther-Schule (GAG) errichtet wurde.
Nachkriegszeit
In den Jahren von 1946 bis 1950 mussten sich unsere Eltern den Wohnraum mit fremden Personen teilen, die ebenfalls ihr Zuhause verloren hatten. Ausgerechnet in dieser Zeit, am 20. Juli 1948, kam mein älterer Bruder Burkhard zur Welt. Er soll als Säugling kaum geschrien haben. Davon berichteten unsere Eltern und deren Mitbewohner später voller Dankbarkeit.
Durch die Flüchtlinge und Vertriebenen erhöhte sich die Einwohnerzahl der Stadt Oldenburg zwischen 1945 und 1950 um mehr als 30 Prozent. Die meisten Menschen, die zugezogen waren, stammten aus Hinterpommern, Ostpreußen und Schlesien. Eine Minderheit aus dem Baltikum. Da es an Wohnraum fehlte, entstand am Stadtrand ein Neubau-Gebiet. Dort lebte meine Familie ab 1958. Wir waren jetzt drei Kinder. Meine Schwester Marianne und ich waren hinzu gekommen. Für die katholische und die evangelische Bevölkerung waren in dem Neubau-Gebiet, das zum Stadtteil Kreyenbrück gehörte, getrennte Volksschulen erbaut worden. Die Gesellschaft war konfessionell stark gespalten. Bei Eheschließungen war die konfessionelle Bindung der Eheleute von großer Bedeutung. Sofern der eine Ehepartner der Katholischen Kirche und der andere der Evangelischen Kirche angehörte, sprach man von einer „Misch-Ehe“.
Volksschule Kreyenbrück
Eingeschult wurde ich 1963 in der Evangelischen Volksschule Kreyenbrück. Der „Ernst des Lebens“ begann für die Schüler mit einem Gottesdienst in der Evangelischen Kirche. Für mich allerdings mit Verspätung. Pastor Bernd Meyberg, ein früherer Jagdflieger in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, predigte schon, als meine Mutter und ich die Kirche betraten. Unzählige Augen musterten uns, die „Nachzügler“, vorwurfsvoll. Mit Glockenläuten ging es nach dem Gottesdienst zur Schule. Der Unterricht fand von Montag bis Sonnabend statt. Am Sonntag folgte der Kinder-Gottesdienst.
An der Volksschule unterrichtete ein junger Lehrer, der seine Unerfahrenheit anscheinend durch Härte ausgleichen wollte. Einzelne Schüler hatten unter ihm besonders zu leiden. Einmal ließ der Lehrer – es war in der vierten Klasse – das einen Meter lange Holzlineal, das zum Gebrauch an der Schultafel bestimmt war, so heftig auf den Hosenboden eines Schülers niedersausen, dass der obere Teil des Lineals abbrach. Mit dem Rest des Lineals schlug der Lehrer weiter zu, bis auch dieses Teilstück zerbrach. Das geschah vor den Augen der Mitschüler. Alle hatten Mitleid, aber niemand war empört.
Die Misshandlung dieses Schülers war kein Einzelfall. Der junge Lehrer wurde häufiger gewalttätig, aber das hatte für ihn keine Folgen, denn der Lehrer war bei den Eltern beliebt. Er spielte Sonntags in der Kirche die Orgel, leitete den Kirchen-Chor und organisierte Chorreisen, von denen die Teilnehmer schwärmten.
Kinder mit Schlägen – auch unter Einsatz von Stöcken, Gürteln oder anderen Hilfsmitteln – zu „züchtigen“, war damals nicht ungewöhnlich. Das kannten viele Schüler aus der eigenen Familie. Ich erinnere mich an eine Missetat, die ich kurz nach meinem neunten Geburtstag im Frühjahr 1966 zusammen mit Mitschülern verbrochen hatte. Dafür hatte jeder von uns zu Hause eine Tracht Prügel erhalten. Wir fanden das gerecht, weil wir glaubten, die Bestrafung verdient zu haben. Am nächsten Morgen fanden wir uns auf der Schultoilette ein, um uns gegenseitig zu begutachten und die Spuren der körperlichen „Züchtigung“ zu bewundern.
Körperliche „Züchtigung“ führt nicht immer zum gewünschten Ergebnis. Wenige Tage nach der Dresche, die wir zu Hause kassiert hatten, beging ich gemeinsam mit meinem Freund H. eine Tat, die viel schlimmere Folgen für uns haben sollte.
H. und ich waren seit frühesten Kindertagen ein Herz und eine Seele, auch wenn wir uns hin und wieder miteinander balgten. Unsere Freundschaft endete, nachdem wir auf das Betriebsgelände einer Spedition eingedrungen und uns an deren Lastkraftwagen zu schaffen gemacht hatten. Die Suche nach den Tätern führte die Polizei schon bald zu unserer Schule und damit zu H. und mir. Nachdem die Polizei und das Jugendamt mit unseren Eltern gesprochen hatten, sollten wir beide in ein Erziehungsheim gesteckt werden. Wir hatten anscheinend genug auf dem Kerbholz. Doch es kam anders: H. musste den Gang in das Erziehungsheim allein antreten. Für die nächsten Jahre war das Erziehungsheim sein Zuhause. Hier erlangte er auch den Hauptschulabschluss, an den sich eine handwerkliche Lehre anschloss. H. war fleißig und hatte beruflich Erfolg, wollte aber höher hinaus: Er holte auf der Abendschule das Abitur nach und wurde Lehrer.
Mit der Einweisung in das Erziehungsheim wurde die Verbindung zwischen H. und mir getrennt. Mein Freund war zehn Jahre alt, also ein Jahr älter als ich. Das Erziehungsheim, das in einer anderen Stadt lag, war für mich unerreichbar. Im Laufe der Zeit dachte ich immer seltener an den Freund aus Kindertagen. Als wir uns nach rund 30 Jahren wiedersahen, stellten wir fest, wie fremd wir uns geworden waren.
Schulwechsel
Zwei Jahre später, im Sommer 1968, wechselten meine Mitschüler auf die neu erbaute Hauptschule am Sperberweg. Ich selbst besuchte ab diesem Zeitpunkt die Graf-Anton-Günther-Schule („GAG“). Sie lag an der Schleusenstraße, wenige Fußschritte vom Küstenkanal entfernt. Schulträger war der Landkreis Oldenburg. Die Schule nahm deshalb bevorzugt Schüler aus den umliegenden Dörfern auf.
Gymnasium für Bauernkinder
Mit Rücksicht auf die auswärts lebenden Schüler, die deutlich längere Schulwege zurückzulegen hatten als diejenigen Schüler, die in der Stadt wohnten, wurde auf der Graf-Anton-Günther-Schule erst ab der siebten Klasse unterrichtet.
Zwei meiner Klassenkameraden wohnten in dem Schülerheim an der Ofener Straße, das heute nicht mehr existiert. Auffallend viele Mitschüler stammten aus den bäuerlichen Familien des Oldenburger Umlandes. Deshalb wurde die Graf-Anton-Günther-Schule manchmal auch als „Bauern-Gymnasium“ belächelt.
Die Lehrer der „GAG“
An die ehemaligen Lehrer der Graf-Anton-Günther-Schule denke ich gerne zurück. Sie waren starke und interessante Persönlichkeiten. Einige sehe ich heute noch deutlich vor mir: Helene Müller (Mathematik) und ihre Freundin Hanna Steinmann (Französisch) Heinz Kanngießer, den Gründer des Oldenburger Jugendchores (Musik), Ulrich Willenbücher (Deutsch), Karl „Kuddel“ Vogt (Kunst), Karl Scheller (Sport), der im Krieg aus einem Gefangenenlager geflohene Dr. Werner Storkebaum (Erdkunde), der unter hohem Blutdruck leidende Bodo Semmler (Latein), die Lehrer Voget (Sport und Gemeinschaftskunde), Wieting (Physik), Heise, Klaus Ohlsen (Latein), Werner Michaelsen (Biologie und Chemie), Sternagel, Lothar Schwatlo, die Lehrerinnen Ilsemarie Primke (Biologie), Baltrusch und Hippert sowie die früheren Schulleiter Hans Dumkow und Günther Solling. Der Name des Assessors, der 1969 das Fach Gemeinschaftskunde unterrichtete, ist mir leider entfallen. Er trug eine Brille. Hieß er Steinmann oder Steinberg? Auch ihn habe ich in guter Erinnerung.
Die Lehrer der Graf-Anton-Günther-Schule lehrten nicht nur staatsbürgerliches Engagement, sie lebten es auch vor. Im Sommer 1974 bezog ein großer Teil von ihnen – gemeinsam mit anderen Oldenburger Lehrern – öffentlich Stellung. Sie protestierten mit einer Anzeige, die in der Oldenburger Nordwest-Zeitung erschien, gegen die Bildungspolitik der SPD. Die Lehrer kündigten an, bei der bevorstehenden Landtagswahl nicht (mehr) für die SPD und deren Kandidaten stimmen zu wollen.
Lehrer Ulrich Willenbücher
Der Lehrer Ulrich Willenbücher hatte es mit mir nicht leicht. Er war mein Deutschlehrer, als ich die neunte Klasse wiederholte. Es war mein letztes Schuljahr. Ulrich Willenbücher war von schlanker, hagerer Gestalt. Er sah streng aus. Dazu passte sein akkurat gescheiteltes Haar. Ulrich Willenbücher blickte mich meistens ernst und nachdenklich an. Er konnte aber auch lächeln. Ich sehe noch, wie er vor mir steht und mit entspannter Miene den Unterschied zwischen „doof“ und „dumm“ erklärt. Ich nahm diesen Lehrer als leicht „verstaubt“ wahr. Das lag wohl auch an seinem Äußeren. Soweit ich mich erinnere, trug Ulrich Willenbücher stets irgendeinen grauen Anzug, natürlich mit Krawatte. In meiner jugendlichen Arroganz hatte ich über den Lehrer Willenbücher geurteilt, ohne ihn wirklich zu kennen.
In Wahrheit scheint Ulrich Willenbücher alles andere als „verstaubt“ gewesen zu sein. Das erfuhr ich, nachdem ich die Schule verlassen hatte. Nach dem, was andere ehemalige Schüler über diesen Lehrer berichten, war Ulrich Willenbücher ein moderner, liebevoller, äußerst fürsorglicher Lehrer und Kollege gewesen. Beispielhaft dafür ist die Geschichte, die Franz Held über seinen ehemaligen Kollegen Willenbücher und dessen Ehefrau erzählt. Franz Held kam im Jahr 1981 als junger Lehrer an die Graf-Anton-Günther-Schule. Es war seine erste Stelle. Franz Held berichtet, wie freundlich er von seinem älteren Kollegen Willenbücher begrüßt wurde, und wie hilfsbereit sich Ulrich Willenbücher zeigte. Ulrich Willenbücher konnte seine Liebenswürdigkeit vornehm-zurückhaltend, beinahe protestantisch, verpacken. Das Ehepaar Willenbücher nahm den jungen Lehrer wochenlang unentgeltlich als Gast bei sich zu Hause auf. Franz Held wechselte später zur Oldenburger Cäcilienschule, die er in den Jahren 2001 bis 2018 als Oberstudiendirektor leitete.
Ulrich Willenbücher starb am 19. September 2008, nur wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag. Die Geschichte, die Franz Held über Ulrich Willenbücher erzählt, ist nachzulesen in dem Buch zum 100. Jubiläumsjahr, in dem ehemalige Lehrer und Schüler berichten, wie sie die Graf-Anton-Günther-Schule erlebt haben. Das Buch erschien im Jahr 2022 im Oldenburger Isensee-Verlag.
Lehrer Wolfgang Schieke
Ein weiterer Lehrer der Graf-Anton-Günther-Schule ragt in meiner Erinnerung besonders heraus: Oberstudienrat Wolfgang Schieke (Deutsch und Erdkunde). Dieser Lehrer steckte voller Energie. Der Lehrer Wolfgang Schieke wusste die Schüler zu begeistern. Den Erdkunde-Unterricht lockerte er auf, indem er uns die dazu passenden Lichtbilder seiner Urlaubsreisen zeigte, die er gemeinsam mit seiner Ehefrau Edith Schieke durchgeführt hatte. Die beiden fuhren mit ihrem Volkswagen, einem „Käfer“, in die unterschiedlichen Länder Europas. Als auf einem Bild einer Skandinavienreise seine Ehefrau etwas verdeckt auf dem Sitz des Volkswagens zu sehen war, löste dies bei uns Schülern großes Interesse aus. Wir wollten unbedingt mehr erfahren. Auch daran kann man ablesen, wie sehr wir diesen Lehrer verehrten. Uns interessierte alles an dieser Person. Auch die Ehefrau.
Wolfgang Schieke war ein Freigeist und wurde von seinen Kollegen als „Nonkonformist“ anerkannt. Den Begriff kannte ich als Zwölfjähriger noch nicht, aber auch ich spürte, dass dieser Lehrer anders war als andere. Wolfgang Schieke war einst selbst Schüler der Graf-Anton-Günther-Schule gewesen. Im Jahr 1954 hatte er das Abitur bestanden. Wolfgang Schieke starb Anfang 1997. Er wurde nur 63 Jahre alt.
Dem Lehrer Wolfgang Schieke habe ich es zu verdanken, dass ich von der Graf-Anton-Günther-Schule als Schüler aufgenommen wurde. Ich wurde im Frühjahr 1968 gemeinsam mit einem anderen Schüler zwei Tage lang von Wolfgang Schieke geprüft. Aufgrund seiner Fürsprache erhielt ich die Zulassung. Der andere Schüler wurde abgewiesen. Dem jungen Lehrer auf der Volksschule, der manchmal zu besonderer Härte neigte, schien mir den Schulwechsel nicht zu gönnen. Er ließ mich seine Abneigung noch mehr als bisher spüren.
Wolfgang Schieke war ein warmherziger und den Schülern zugewandter Mensch. Er war bei allen Schülern beliebt. Doch manchmal konnte Wolfgang Schieke auch überraschend zynisch reagieren. Hatte das vielleicht etwas mit seiner Familiengeschichte zu tun?
Wolfgang Schieke stammte aus Naumburg a.d.Saale. Sein Vater, Walter Schieke, war ebenfalls Lehrer gewesen. Er hatte bis 1945 der NSDAP angehört und auf Kreisebene das Amt des Propagandaleiters (1935) sowie des Leiters für Erziehung (1940) bekleidet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Naumburg in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. in der späteren DDR. Noch vor Gründung der DDR flüchtete die Familie Schieke nach Oldenburg i.O. War der Sohn auch wegen der politischen Verstrickung seines Vaters zu einem Freigeist geworden, der manchmal zum Zynismus neigte?
Die Lehrer und das Hotel Wieting
Wenn sich die Lehrer der Graf-Anton-Günther-Schule im kleinen Kreis vertraulich miteinander unterhalten wollten, taten sie das in der Regel nicht im Lehrerzimmer der Schule, sondern konspirativ im Hotel Wieting.
Das Hotel Wieting liegt nur wenige Schritte von der Graf-Anton-Günther-Schule entfernt an der Straße, die zur Cäcilien-Hubbrücke führt. Hier fühlten sich die Gesprächspartner vor Mithörern sicher. Das erfuhr ich Jahrzehnte später von der Senior-Chefin des Hotels Wieting. So oft ich meine alte Heimatstadt Oldenburg besuche und im Hotel Wieting übernachte, sehe ich im Geist die ehemaligen Lehrer der Graf-Anton-Günther-Schule (GAG) vor mir, wie sie in einer Ecke des Gastraums sitzen und in ein Gespräch vertieft sind.
Schüler Klaus Pu Schröder
An dieser Stelle will ich einen Menschen würdigen, der die Graf-Anton-Günther-Schule (GAG) viele Jahre vor mir besucht und seine Schulzeit – im Gegensatz zu mir – erfolgreich abgeschlossen hat. Es handelt sich um den Oldenburger Anarcho-Syndikalisten und selbsternannten „Alltags-Anarchisten“ Klaus „Pu“ Schröder („Anarchie heißt nicht Chaos, sondern Ordnung ohne Herrschaft“). Nach dem Abitur hatte Klaus „Pu“ Schröder eine Zeitlang im Hamburger Hafen gearbeitet, doch die längste Zeit seines Berufslebens war er als Tischler, der Bücherregale baute, und als Buchhändler bzw. Antiquar tätig gewesen.
Klaus „Pu“ Schröder hat sich immer wieder für die Interessen der Schwächsten, insbesondere für die Rechte von Jugendlichen und Obdachlosen, eingesetzt. Das ist einer der Gründe, warum sein freundliches Gesicht in Oldenburg „stadtbekannt“ ist. Jedesmal, wenn ich mich in meiner alten Heimatstadt Oldenburg aufhalte und zufällig auf Klaus „Pu“ Schröder stoße, freue ich mich. Mit Klaus „Pu“ Schröder, dem „Alltags-Anarchisten“, befindet man sich in guter Gesellschaft.
Exkurs: Hindenburgschule
Die Graf-Anton-Günther-Schule stand Knaben und Mädchen offen. War die Koedukation der Grund, warum an dieser Schule ein freundlicherer Umgangston herrschte als an Schulen mit nur männlichen Schülern?
Auf der Hindenburg-Schule (heute: „Herbart-Gymnasium“), die damals nur Knaben aufnahm, ging es ancheinend anders zu. Das berichtete mein älterer, inzwischen verstorbener Bruder. Er und seine Mitschüler wurden auf der Hindenburg-Schule nicht mit ihren Vornamen, sondern nur mit dem Familiennamen angesprochen. Für die neun- bis zehnjährigen Steppkes der fünften Klasse mag das ein Kulturschock gewesen sein („Müller, nach vorne zur Tafel“). Hatte der Geist kaiserlicher bzw. preußischer Kadetten-Anstalten, die nach dem Ersten Weltkrieg auf Anordnung der Siegermächte aufgelöst worden waren, auf der Hindenburg-Schule überlebt?
Die ehemaligen Schüler der Hindenburg-Schule bewerten ihre Schulzeit unterschiedlich. Das zeigt die Debatte, die im Jahr 2021 in der Oldenburger Nordwest-Zeitung (NWZ) geführt wurde. Einige „Ehemalige“ beschrieben ihre Zeit auf der Hindenburg-Schule als eine Zeit des Grauens: Die leidenden Schüler der Hindenburg-Schule (NWZ vom 26.10.2021). Andere „Ehemalige“ widersprachen und zeichneten ein differenziertes Bild: Sie lobten die emphatischen und engagierten Lehrer, die es auch schon in den 1950er und 1960er Jahren an der Hindenburg-Schule gegeben haben soll: Erinnerungen an eine gute Schulzeit (NWZ vom 09.11.2021). Lehrer wie bspw. Rolf Pottebaum und Enno Meyer wurden genannt. Auch der spätere CDU Politiker Werner Broll gehört wohl zu der Riege der Lehrer, an die sich viele ehemalige Schüler der Hindenburg-Schule heute noch gerne erinnern.
Sprachstörung Mutismus
Ab meinem 13. Lebensjahr machte mir eine kleine Sprachstörung zu schaffen. Plötzlich auftretende Sprechblockaden zwangen mich zum Schweigen, wenn ich sprechen wollte. Dadurch wurde meine ohnehin bestehende Neigung zur Aggressivität zusätzlich gefördert. Diese Art der Sprachstörung wird heute als Mutismus bezeichnet. Ich habe sie zwar weitgehend überwunden, doch ich habe nicht vergessen, wie es sich anfühlt, wenn man nicht sagen kann, was man sagen will. Und welche Folgen es hat, wenn man sich bemüht, die Sprechblockade mit Gewalt zu durchbrechen.
Jeder dieser Versuche kostete viel Kraft, war aber nur von zweifelhaftem Erfolg. Wenn ich einen Satz unter hohem Druck gewaltsam hinauspresste, sprach ich derart schnell und undeutlich, dass man mich oft nicht verstand. Die Aufforderung an mich, den Satz zu wiederholen, ließ den Druck weiter steigen, so dass sich meine Sprechblockade noch einmal verstärkte: Jetzt war ich überhaupt nicht mehr in der Lage, einen ganzen Satz zu formulieren. Stattdessen platzten nur noch einzelne Wörter aus mir heraus.
Wer eine Sprechblockade erleidet, braucht Geduld. Er sollte ruhig durchatmen und warten, bis sich die Blockade von selbst auflöst.
In der Routine des Schulalltags fehlte dazu die Zeit. Wenn ich im Unterricht auf eine Frage des Lehrers antworten wollte, aber schon wenige Sekunden später, als ich das Wort erhielt, die Antwort nicht mehr aussprechen konnte, reagierte ich wütend. Ich trommelte mit den Fäusten auf die Tischplatte und fluchte lautstark. Schimpfwörter gingen mir jetzt so leicht über die Lippen, dass von einer Sprechblockade keine Rede sein konnte. Aber das täuschte. Die Antwort blieb ich schuldig. Was ich hatte sagen wollen, blieb ungesagt. Die Frage des Lehrers wurde nicht von mir, sondern von einem Mitschüler beantwortet. Mein Wutausbruch hatte nur für Irritation gesorgt.
Die Lehrer ahnten nichts von der Sprachstörung, da mein allgemeines Sprechverhalten wenig auffällig gewesen war. Im Gegenteil: Ich galt als talentierter Vorleser. Als wir es im Unterricht einmal mit einem Text zu tun hatten, der aufgrund vieler langer Schachtelsätze schwer verständlich war, wurde ich aufgefordert, den Text laut vorzulesen. Das bereitete mir keine Schwierigkeit. Ich las den Text mit sinngerechter Betonung der Wörter so flüssig vor, dass ihn jetzt alle verstanden. Wenn ich etwas vorlas, kam es nie zu Sprechblockaden.
Von einem „selektiven Mutismus“ können auch Menschen betroffen sein, die in anderen Situationen als vorzügliche Sprecher wahrgenommen werden.
Exkurs: Spätere Eigentherapie
Als ich viele Jahre später, Ende 1977, nach Berlin zog, wollte ich die Sprachstörung endlich in den Griff bekommen. Die Krankenkasse verlangte vor einer Kostenübernahme das Gutachten eines Psychologen. Dessen Fragen fand ich zu intim. Ich war nicht bereit, sie zu beantworten. Daraufhin brach der Psychologe das Gespräch ab. So sparte die Krankenkasse das Geld, das eine Behandlung gekostet hätte. Später nahm ich an einem Kurs für Sprachgestaltung teil, der von der Anthroposophischen Gesellschaft angeboten wurde. Ohne den gewünschten Erfolg. Wenn die Kurs-Teilnehmer hintereinander die Wörter „Nonnen“ und „Nornen“ sagen sollten, scheiterte ich bereits am „Zungen-R“.
Ein Jahr später konnte ich mir selbst helfen. Das verdanke ich einem Handelsvertreter. Er bot mir im Sommer 1979 an, mich als Verkäufer einzustellen. Das Arbeitsamt hatte mich zu ihm geschickt. Ich war kurz zuvor arbeitslos geworden.
Der Handelsvertreter suchte einen jungen Mann, der in Kaufhäusern Kochtöpfe anpreisen und verkaufen sollte. Ich war erstaunt, dass er mir diese Aufgabe zutraute. Sein Angebot war ein Geschenk des Himmels. Ich sah die Chance, mit dieser Tätigkeit auch mein Sprachproblem zu lösen zu können: Die Menschen, denen ich die Ware anbieten würde, wären jeden Tag andere gewesen. Ich bräuchte also keine Scheu zu haben, mich vor ihnen zu blamieren, denn ich würde sie vermutlich nie wiedersehen.
Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Würde es mir gelingen, zu den Kunden anders zu reden als zu den Menschen in meinem Umfeld? Wäre ich in der Lage, mir eine grundsätzlich neue Sprechweise anzueignen? Und könnte ich dann im Alltag so reden, wie ich aus Büchern vorlas?
Im vertrauten Umfeld hatte ich mich nie getraut, eine neue Sprechweise einzuüben. Die Freunde und Bekannten hätten sicherlich verwundert reagiert, wenn ich mit starker Betonung ganz anders als bisher zu ihnen gesprochen hätte. Ich war auch noch nie auf die Idee gekommen, im Alltag mit fremden Menschen in einer Form zu sprechen, die mir selbst künstlich erscheinen musste. Doch das Gespräch eines Verkäufers mit seinen Kunden ist keine alltägliche Konversation. Ein Verkäufer hat Zuhörer. Er ist ein Gestalter. Die Stelle als Verkäufer bot mir die Möglichkeit, eine neue Sprechweise mit großer Stimmbreite, ähnlich wie beim Singen, zu trainieren und dafür sogar noch bezahlt zu werden.
Ich wurde Verkäufer, allerdings für ein anderes Unternehmen mit anderen Produkten. Anfangs hatte ich die Sorge, mein Chef könnte die Sprachstörung bemerken. Dann hätte ich das Geld für die zwei Anzüge, die ich aus beruflichen Gründen hatte anschaffen müssen, vielleicht umsonst ausgegeben. Doch ich hatte Glück – und Erfolg. Drei Jahre später beendete ich diese Tätigkeit. Mit dem Geld, das ich in dieser Zeit verdient und gespart hatte, gründete ich das Unternehmen, in dem heute auch meine Ehefrau Nina und einige unserer Kinder tätig sind.
Inzwischen habe ich die Sprachstörung beinahe vollständig überwunden. Wenn es heute hin und wieder noch zu einer Sprechblockade kommt, schweige ich für einen Moment. Das sieht aus, als dächte ich nach. Die Sprechblockade ist dann nicht zu erkennen.
Schulbesuch ohne Abschluss
Trotz der großartigen Lehrer, die an der Graf-Anton-Günther-Schule unterrichteten, langweilte mich der Unterricht schon bald. Das fehlende Interesse glich ich durch aggressives Verhalten aus, so dass ich für die Schule zur Belastung wurde. Nachdem ich die neunte Klasse erfolglos wiederholt hatte, endete im Sommer 1973 für mich die gesetzliche Schulpflicht. Obendrein erteilte die Schule mir Hausverbot. Ich hatte nicht einmal den Hauptschul-Abschluss erreicht. Doch das war mir egal. In der Welt, in der ich leben wollte, spielten Schul-Abschlüsse keine Rolle. Das glaubte ich jedenfalls
Die Welt, in der ich leben wollte, war die Welt der Seeleute, der Häfen und des Milieus, das damit verbunden ist. Einen Teil dieser Welt hatte ich bereits oberflächlich kennengelernt, als ich in den Schulferien und an den Tagen, an denen ich den Schulbesuch geschwänzt hatte, im Hafen gearbeitet hatte. Nun lernte ich diese Welt etwas genauer kennen. Mehr in: Hafenromantik.



