Schalom Ben-Chorin

Foto: Harald Bischoff, CC-BY-SA-3.0

Schalom Ben-Chorin war ein deutsch-israelischer Schriftsteller und Religionsphilosoph, der sich nach 1945 für den christlich-jüdischen Dialog, die Überwindung des Antijudaismus und Antisemitismus, für die Möglichkeit einer „Theologie nach Auschwitz“ und für die Versöhnung zwischen Israel und Deutschland einsetzte.  Er wurde am 20. Juli 1913 in München als Fritz Rosenthal geboren – und 1935 von den Nationalsozialisten vertrieben. In Palästina nahm er seinen neuen Namen an. Er bedeutet: „Frieden, Sohn der Freiheit“.

Sein Sohn Tovia Ben-Chorin

Der Sohn, Dr. Tovia Ben-Chorin, geb. 1936, scheint dem Vater nicht nur äußerlich zu ähneln. Tovia Ben-Chorin war bis zum Frühjahr 2015 Rabbiner einer Jüdischen Gemeinde in Berlin. Im Mai 2015 sprach er im Kohlenkeller am Mexikoplatz, den meine Frau Nina und ich gemeinsam betreiben, über Das Wesen des Menschen und die Bedeutung der jüdischen Festtage. Im Jahr 2022 ist Tovia Ben-Chorin verstorben. Er wurde 86 Jahre alt.

In diesem Video spricht Tovia Ben-Chorin über sich und seine Jugendzeit.

Wir hatten Tovia Ben-Chorin bei einer Veranstaltung der liberalen jüdischen Gemeinde in der Berliner Synagoge in der Pestalozzistraße kennengelernt. Es war in der „Woche der Brüderlichkeit“. Der Rabbiner Tovia Ben-Chorin erwähnte in seiner Rede auch seine ersten Lebensjahre in Palästina – und seinen Vater Schalom Ben-Chorin. Meine Frau Nina und ich staunten über das, was Tovia Ben Chorin berichtete. Mit solchen Worten hatten wir an diesem Tag und an diesem Ort nicht gerechnet.

Als der Knabe Tovia palästinensische Jugendliche beleidigt hatte, sprach der Vater seinem Sohn in Gewissen. Er forderte ihn auf, die palästinensischen Jugendlichen respektvoll zu behandeln. Als der Zweite Weltkrieg beendet war und die Weltöffentlichkeit das Ausmaß der NS-Verbrechen erfuhr, die im deutschen Namen begangen worden waren, bat Schalom Ben-Chorin seinen Sohn, auch das Leid zu bedenken, das die deutsche Bevölkerung während des Bombenkrieges und bei Kriegsende durch Flucht bzw. Vertreibung zu ertragen hatte.

Wo nahm der Vater, Schalom Ben-Chorin, angesichts der Verbrechen, des Massenmords und des Unrechts, das ihm persönlich und seiner eigenen Familie zugefügt worden war, die Kraft zu dieser fast übermenschlichen Empathie her?

Sehnsucht nach der deutschen Heimat

Schalom Ben-Chorin starb am 7. Mai 1999 in Jerusalem. Er dachte auch im Exil in großer Liebe an seine Heimatstadt München zurück – trotz allem, was ihm an Leid im Deutschland der 1930er Jahre zugefügt worden war.

Das folgende Gedicht über seine Heimatstadt München verfasste Schalom Ben-Chorin bereits im Jahr 1937. Zu dieser Zeit lebte die Familie Ben-Chorin seit fast zwei Jahren in Palästina. Das Gedicht ist ein Zeugnis großer Herzensgüte und Ausdruck der großen Liebe, die Schalom Ben-Chorin noch immer für die deutsche Heimat – und deren Sprache – empfand. Diese Liebe konnten ihm die Nationalsozialisten nicht rauben:

MÜNCHEN

Immer ragst Du mir in meine Träume
Meiner Jugend – zartgeliebte Stadt,
Die so rauschende Kastanienbäume
Und das Licht des nahen Südens hat.

Ja, die Schatten deiner schlanken Türme
Liegen blau auf meinem Augenlid.
Deine langen Regen, deine Stürme
Rauschen, brausen noch durch mein Gemüt.

Daß ich dir so sehr gehöre,
Stadt am Rand der Berge und der Seen,

Daß ich deine Kirchenchöre, Deine Schrammelweisen in mir höre,
Wußte ich – und mußte dennoch gehn.

Ist das Echo meiner Kinderschritte
In den Straßen dort noch nicht verhallt?
Hängt noch manche ungewährte Bitte
In den dunklen Kronen dort im Wald?

Sitzt vielleicht ein Mädchen noch am Fenster
In dem stillen Hause vor der Stadt,
Die mich einst vergnügter und beglänzter
Und beschwingter auch gesehen hat?

Sicher binden mich solch feine Fäden
– Wie Altweiberhaar im Sommerwind – ,
Warum machtest du mich sonst in jedem
Meiner Träume krank und tränenblind?

Sicher träumst du, wenn die Ave-Glocken
Aus den Türmen auf die Dächer taun,
Von den wilden, hellen Kinderlocken,
Von den Augen, die dich staunend schaun.

Meine Augen waren’s und mein Haar. –
Des Vertriebenen gedenkst du nun.
Der ich, ferne Stadt, der deine war,
Darf in deinen Mauern nicht mehr ruhn.

Aber deine Mauern ruhn in mir.
In den Nächten baue ich dich neu,
Durch die nieverschlossne Träume-Tür
Darf ich dich betreten ohne Scheu.

Aus der Autobiographie: „Jugend an der Isar“
(dtv, Juli 1988 S.185/186)