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Die rechtsradikale Jugendkultur im Osten:
Verletzter Stolz
von Roland Wehl  
 

Neulich kamen meine beiden zehnjährigen Töchter aufgeregt von der Schule nach Hause. Im Handarbeitsunterricht waren sie von ihrer Lehrerin gefragt worden, was sie stricken möchten. Eine der beiden hatte geantwortet: 'Eine Mütze für unseren Vater'. Als die Lehrerin fragte, welche Farbe die Mütze haben solle, lautete die Antwort: 'Schwarz-Rot-Gelb'. Die Lehrerin war fassungslos. 'So etwas tragen doch nur die Nazis', sagte sie. Ein Einzelfall? Leider nicht. Statt dessen Alltag in deutschen Schulen.

Zweites Beispiel: Eine Schule im Berliner Wedding mit einem hohen Anteil ausländischer Schüler aus der Türkei und den arabischen Staaten. Im Unterricht einer siebten Klasse wurde über die europäische Einigung gesprochen. Die Klassengemeinschaft beschloß, das Klassenzimmer dem Thema entsprechend zu schmücken. In einer Ecke des Raumes wurde eine Deutschlandfahne aufgehängt, in der anderen Ecke die Europa-Fahne. Einen Tag später kam es zum Eklat. Ein Fachlehrer weigerte sich wegen der Deutschlandfahne, den Klassenraum zu betreten. Die Fahne wurde entfernt.

Die Reaktionen der beiden Lehrer hatten für die Schüler dieselbe Botschaft. Durch das Verhalten dieser Lehrer wurde den Schülern die natürliche und unbefangene Haltung zu dem Land, in dem sie aufwachsen, vermiest. Wie soll daraus Gutes entstehen?

Drittes Beispiel: Vor vielen Jahren arbeitete ich für die 'Internationale Liga für Menschenrechte'. Die Verleihung der Carl-von Ossietzky-Medaille fand in einer Gesamtschule im West-Berliner Bezirk Kreuzberg statt. Eine Betonburg, in der das Leben erstickt. Die Eintönigkeit der grauen Wände wurde durch aneinandergereihte mannshohe Fotografien unterbrochen. Ich war erschrocken. Die Bilder zeigten Überlebende aus deutschen KZs. Täglich mußten die Schüler an den Bildern dieser gepeinigten Menschen vorbeigehen. Die Bilder sollten bei den Schülern Betroffenheit auslösen. Daß die Schüler dadurch eher abgestumpft wurden, konnten sich die verantwortlichen Pädagogen gar nicht vorstellen. Entsprechend groß war der Aufschrei, als ausgerechnet an dieser Schule die ersten Hakenkreuzschmierereien bekannt wurden.

Die für die Schmierereien verantwortlichen Schüler hatten den Repressivapparat 'Schule' treffen wollen. Instinktsicher taten sie das auf eine Weise, die den größten Erfolg versprach. Sie beschädigten genau das, was der Schule besonders wichtig war: das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Die Jugendlichen, die scheinbar positiv auf den Nationalsozialismus reagieren, sind in Ost und West nur eine kleine Minderheit. Trotzdem müssen diese Jugendlichen ernst genommen werden. Sie sind keine homogene Gruppe. Einige unter ihnen wollen 'nur' provozieren. Andere glauben sich im Besitz einer vermeintlich 'anderen Wahrheit'.

Eine andere Qualität des Aufbegehrens und der Regelverletzung gibt es im Osten. Auffallend ist dabei der familiäre Hintergrund: Viele 'rechte' Jugendlichen kommen aus Elternhäusern mit SED-Vergangenheit. Der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer spricht in diesem Zusammenhang von den Kindern der 'zweimal gedemütigten Elterngeneration'.

Kinder, die früher mit großem Respekt ihren Eltern gegenüberstanden, erleben, daß das, was für die Eltern wichtig war, wertlos geworden ist. Söhne, die stolz gewesen waren, weil ihre Väter bei der NVA oder beim MfS tätig waren, erlebten den Sturz ihrer Väter in die Achtungslosigkeit. Menschen, die ein halbes Leben lang ihre Pflicht getan hatten, wurden über Nacht aus ihren Positionen verjagt. Für viele bedeutete das Frührente oder Arbeitslosigkeit. Für andere bedeutete das den Eintausch der Militärmütze gegen den Vertreterkoffer.

Der Wertemaßstab der Jugendlichen im Osten ist seit dem Mauerfall auf den Kopf gestellt. Was in der DDR 'links' war, gilt im vereinten Deutschland als 'rechts'. Das betrifft nicht nur die Haltung zu Armee, Polizei und 'Recht und Ordnung'. Es betrifft auch das gemeinschaftliche Denken, das in der DDR so stark entwickelt war. Es betrifft die Fürsorge gegenüber dem Nächsten und die Liebe zum eigenen Land. In den Haßgesängen und den Gewaltexzessen eines Teils der Jugendlichen im Osten drückt sich auch die Wut über diesen Verlust aus. Darin zeigt sich die Sehnsucht nach etwas ganz anderem: nach Liebe und einer heilen Welt, die in der Erinnerung der DDR sehr ähnelt.

Für diese Sehnsucht ist in der großwestdeutschen Bundesrepublik kein Platz. Die BRD entwickelt sich zu einer Arbeitskaserne, in der immer weniger Menschen beschäftigt sind. Selbst Heiner Geißler warnt vor einem Turbo-Kapitalismus, der diese Gesellschaft sozial und kulturell zu Grunde richtet.

Die gewaltbereiten rechtsradikalen Jugendlichen sind Täter und Opfer zugleich. Eines sind sie auf jeden Fall nicht: Menschen, die das eigene Schicksal in die Hand nehmen. (ams gruppe)
 
© Roland Wehl aus: Junge Freiheit, 27.03.1998

 
Roland Wehl

 
Der 20. Juli ist im Kalender der Bundesrepublik ein fester Termin, doch in Wahrheit steckt er ihr wie eine Karpfengräte im Hals. Würde dieses Land, in dem schon das Ladenschlußgesetz als politischer Ernstfall gilt, sich an der Courage dieser Männer, die ihr Leben an die Rettung ethischer Werte gesetzt haben, ehrlich messen, müßte es zuerst die Verzwergung des Politischen und des geschichtlichen Denkens realisieren, die sich in ihm vollzogen hat. Gewiß, als eine der Lehren aus dem 20. Juli wird die "Zivilcourage" beschworen, doch diese bezeichnet nur die Fähigkeit, eine offiziell favorisierte Meinung beziehungsweise Haltung als Widerstand gegen Staat und Gesellschaft zu inszenieren und neben selbstgefälliger moralischer Überlegenheit auch noch in den Genuß staatlicher Subventionen zu kommen. Dieser Tag liegt quer zum Selbstverständnis dieser Republik, vor allem, weil die ethischen Überzeugungen, für die er steht, rückgebunden waren an einen deutschen Patriotismus. Man wird den Männern des 20. Juli nur gerecht, wenn man sie in ihrer Widersprüchlichkeit und Entwicklung begreift. Viele entstammten den alten Führungsschichten, die sich nach 1933 nur zu gern im Opportunismus geübt hatten. Der Diplomat Ulrich von Hassell, einer der Mitverschwörer, vermerkte in seinem Tagebuch mit zunehmender Verbitterung, wie Militärs und Beamte sich durch Erfolge Hitlers oder durch Zuwendungen korrumpieren ließen. Die moderne Massengesellschaft war vielen innerlich fremd, die Mahnung Ernst Jüngers, um Erfolg zu haben, müsse man auch am Mikrofon stärker sein als Hitler, konnten sie kaum begreifen. Diesen schwachen Punkt hat Goebbels genau erfaßt, als er in seinem Tagebuch sinnierte, er selber hätte eine vergleichbare Aktion gewiß zum Erfolg geführt. Politischen Strategen wie Moltke war deshalb klar, daß ein erfolgreicher Staatsstreich nur der Anfang von tiefgreifenden Umwälzungen sein konnte. Der 20. Juli und seine Vorgeschichte zeigen, daß Deutschland und seine Eliten zur Selbsterneuerung fähig waren. Ein breitgefächertes Bündnis aus Gewerkschaftern, Sozialdemokraten, Bildungsbürgern, Beamten, Geistlichen, preußischen Konservativen und Militärs hatte sich dazu zusammengefunden. In diesem Bündnis lag die Chance auf eine politische Umgründung Deutschlands bei gleichzeitiger Wahrung seiner inneren Kontinuität. Über die Möglichkeiten, die ein erfolgreiches Attentat eröffnet hätte, kann man nur spekulieren. Bestimmt wären die Judendeportationen umgehend gestoppt, die KZs geöffnet, Prozesse gegen führende NS-Leute sowie Friedensbemühungen eingeleitet worden. Die bedingungslose Kapitulation wäre Deutschland kaum erspart geblieben, trotzdem hätte es sich in einer ungleich besseren Position befunden als im Mai 1945. Dem "Wüstenfuchs" Erwin Rommel wird von seinen Kriegsgegnern bis heute Respekt gezollt - hätten sie ihm den Posten als neuer Armeechef dauerhaft verweigert? Die beiden langjährigen KZ-Insassen Kurt Schumacher und Martin Niemöller sowie Bischof Clemens Graf von Galen, der "Löwe von Münster", der todesmutige Brandreden gegen das Regime geschleudert hatte, wären sie als Vertreter eines neuen Deutschland ins Ausland gereist, um mit ihrer Person gegen die Kollektivschuldthese zu bürgen - hätten sie in der Öffentlichkeit nicht wenigstens ein Nachdenken ausgelöst? Vielleicht wären Teile Hinterpommerns und Niederschlesiens für Deutschland gerettet worden. Vielleicht. Auf jeden Fall wäre der geistig-moralische Zusammenbruch nicht so total gewesen. Die Traditionen und Institutionen, die für das staatliche Leben ein notwendiges Korsett bilden, wären weniger stark zerstört und kompromittiert worden. Es hätte kein Gefühl der totalen Niederlage gegeben, das sich in einen nationalen Masochismus verwandelt hat, damit es überhaupt ertragen werden kann. Die selbstherrliche "anglo-amerikanische Geschichtserzählung über den Zweiten Weltkrieg", die "den Triumph der freiheitlichen Zivilisation des Westens über seine totalitären Herausforderer ins Zentrum der historischen Erinnerung" stellt (Richard Herzinger), wäre nicht so dominant geworden und hätte nicht das - vorläufige? - Ende des geschichtlichen Bewußtseins in Deutschland und den Anfang seiner kulturellen und geistigen Verödung markiert. Das gescheiterte Attentat vom 20. Juli hat zu einer Verschiebung der innerdeutschen Machtverhältnisse geführt: Weg von den preußischen Eliten, die einst Stil und Geist des Staates bestimmt hatten, die nun teils ermordet und teils ihrer ökonomischen und lokalen Basis beraubt wurden, hin zum rheinischen und süddeutschen Bürgertum. Es war ein Grundfehler des Deutschen Reiches gewesen, diese Schichten nicht sofort nach 1871 in die politische Führung einbezogen zu haben. Die Korrektur fand nun als gewaltsamer Kontinuitätsbruch in einem immer noch jungen, seiner nie sehr sicher gewesenen Nationalstaat statt. Selbst Konrad Adenauer war zuletzt voller Sorge, ob die Bundesrepublik, deren wirtschaftliche Prosperität beispiellos war, für schwierige Zeiten nicht über zu wenig politische Substanz und Prägnanz verfüge. Tatsächlich droht die deutsche Wiedervereinigung sich zu einer Staatskrise auszuwachsen. Wenigstens für die symbolpolitische Vakanz hat Gerhard Schröder wieder einmal Gespür bewiesen. Die Regierungsklausuren zur Reformierung des gen Oder ausgedehnten Rheinbundstaates finden im brandenburgischen Schloß Neuhardenberg statt, das nicht nur der Sitz des preußischen Staatskanzlers und Reformers war, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt der Männer des 20. Juli. Noch bleiben solche medialen Inszenierungen ohne Konsequenzen. Vielen tonangebenden Kräften im Land scheint das Scheitern des 20. Juli und seine Spätfolgen insgeheim ganz recht zu sein. Man kann das unter anderem an der ausgebliebenen Restitution der enteigneten "Junker" ablesen, darunter auch solcher, die wegen ihrer NS-Gegnerschaft enteignet und ermordet wurden. Dabei spricht ökonomisch und - angesicht der anhaltenden Landflucht aus der Ex-DDR - auch psychologisch nichts mehr dagegen. Offenbar soll verhindert werden, daß ein Traditionsbestand, der über den Horizont dieser umerzogenen Bundesrepublik hinausreicht, wieder einen regionalen Bezugs- und Ausgangspunkt erhält. Andererseits sind heftige Suchbewegungen im Gange, weil jeder spürt, daß die Dinge so nicht weiterlaufen können. Es ist durchaus denkbar, daß sie schon bald bei dem Patriotismus, dem Opfersinn und dem Mut fündig werden, die am 20. Juli 1944 durch das Blut der Besten besiegelt wurden.
 
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