Vater und Sohn

Ernst_von_Salomon_-_Der_Fragebogen,_157._-_181._Tausend,_Juli_1952
Ausgabe 1952, Rowohlt-Verlag

Der Schriftsteller Ernst von Salomon veröffentlichte 1951 im Rowohlt-Verlag den autobiografischen Roman »Der Fragebogen«. Das Buch wurde zum Bestseller und galt lange Zeit als erfolgreichstes Werk deutscher Literatur seit dem Kriegsende. Ernst von Salomon setzt sich in dem Buch mit der jüngsten deutschen Vergangenheit und der damaligen Form der Entnazifizierung“ auseinander. 

In dem Roman erwähnt Ernst von Salomon immer wieder auch deVerleger Ernst Rowohlt – und errichtet ihm damit ein kleines Denkmal. Dabei erhält der Leser auch einen Einblick in das Verhältnis zwischen dem raubeinigen Verleger und dessen feinsinnigem Sohn.

Ernst von Salomon berichtet von einem Besuch im Rowohlt-Verlag Mitte der 1930er Jahre. Als er Ernst Rowohlt bei einem Rundgang durch die Verlagsräume begleitet, begegnet ihnen ein junger Mitarbeiter des Verlages, der Salomon schon vorher positiv aufgefallen war. Es handelt sich um Heinrich Maria Ledig.

Salomon hatte die verlegerische Begabung des jungen Mannes schon früh erkannt. Er wunderte sich über den unfreundlichen Ton, in dem der Verleger mit dem Mitarbeiter sprach und ihm wiederholt mit Kündigung drohte. Salomon wollte wissen, warum Ernst Rowohlt diesen begabten Mitarbeiter so schlecht behandelte. Zuerst war Rowohlt zu keiner Antwort bereit. Dann verlangte er Stillschweigen. Nachdem Salomon auch noch einen Schwur abgelegt hatte, rückte Rowohlt mit der Wahrheit heraus. Der junge Mann sei sein unehelicher Sohn. Niemand im Verlag wisse davon. Auch Ledig selbst nicht. Salomon amüsierte sich darüber, dass der uneheliche Sohn „Ledig“ heiße.

Wenige Wochen später war Ernst von Salomon bei Heinrich Maria Ledig zu Gast. Dort entdeckte er – direkt neben dem Bett – ein Foto mit dem Bild des Verlegers. Salomon sprach den jungen Mann darauf an – und erntete eisiges Schweigen. Erst nachdem Salomon Verschwiegenheit geschworen hatte, vertraute Ledig sich ihm an. Mit gepresster Stimme sagte er, dass Rowohlt sein Vater sei. Aber niemand im Verlag wisse davon – auch sein Vater nicht. Zum Schluss verfinsterte sich Ledigs Gesicht. Er sagte: „Ich hasse ihn“.

Einige Zeit danach traf Ernst von Salomon mit dem Schriftsteller Ernst Jünger zusammen. Im Verlauf der Begegnung sprachen sie auch über Ernst Rowohlt – und dessen Sohn. Ernst Jünger erzählte lachend, dass beide glaubten, der jeweils andere wisse nichts. Beide hätten ihm die Geschichte gebeichtet. Er hätte heilige Eide schwören müssen, niemandem etwas zu verraten. Dabei wüssten sogar alle Mitarbeiter im Verlag längst Bescheid.

Soweit die Darstellung Ernst von Salomons. Erscheint Ihnen die Geschichte glaubhaft?

Ende der 1980er Jahre lernte ich den Berliner Verleger Karl Heinz Henssel kennen. Seine Ehefrau Asta war die jüngste Schwester von Helmuth James Graf von Moltke. Karl-Heinz Henssel war in den 1930er Jahren im Rowohlt-Verlag tätig gewesen. Als ich ihn auf Rowohlts Bemühen ansprach, seine Vaterschaft zu verheimlichen, bestätigte er, dass es sich um ein offenes Geheimnis gehandelt habe. Er – Henssel – sei gleich zu Beginn seiner Tätigkeit auf die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn hingewiesen worden. Eine Buchhalterin des Rowohlt-Verlages habe ihn am zweiten oder dritten Arbeitstag gefragt: „Ist Ihnen noch gar nichts aufgefallen? Schauen Sie sich doch bloß die Nase an – die Nase!!!“

Ernst Rowohlt hatte seinen Sohn lange Zeit verleugnet – und ihn gleichzeitig mit aller Kraft gefördert. Manche Menschen meinen es mit ihren Nächsten auf merkwürdige Weise gut.