Tochter ohne Vater

Susanne RömerDr. Susanne Römer lernte ich – gemeinsam mit meiner Frau Nina – bei bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung kennen. Aus Büchern, die ich als Jugendlicher gelesen hatte, kannte ich die Geschichte ihres Vaters „Beppo“ Römer. Nun stand ich der Tochter gegenüber, die einen lebensfrohen Eindruck machte.

Erst später erfuhr ich, wie sehr die Tochter das Schicksal ihres Vaters zeitlebens beschäftigt hatte. Dr. Josef Römer – wegen seines „italienischen“ Aussehens „Beppo“ genannt – war im Ersten Welt­krieg Haupt­mann gewesen. Er gehörte 1919 zu den Mit­be­grün­dern des “Frei­korps Ober­land”. Er beteiligte sich mit seinem Frei­korps an der Nie­der­schla­gung der baye­ri­schen Räte­re­pu­blik. Berühmt wurde „Beppo“ Römer im Rah­men des Grenz­kamp­fes mit Polen. Er gilt als „Erstür­mer“ des Anna­ber­ges im damaligen Ober­schle­sien. Die meisten seiner Freikorps-Kameraden schlossen sich später den Nationalsozialisten an. Dagegen näherte sich „Beppo“ Römer – mit wenigen Kameraden – den Kommunisten an. Nach 1933 wurde er Mitglied einer Widerstandsgruppe.

Aufbruch„Beppo“ Römer gehörte zu den sogenannten „LINKEN Leuten von RECHTS“ und stand – auch als politisch “Rech­ter” – den Natio­nal­so­zia­lis­ten von Anfang an skep­tisch gegen­über. Er wurde schließ­lich einer ihrer pro­mi­nen­tes­ten Geg­ner. „Beppo“ Römer grün­dete den Aufbruch-Kreis und sym­pa­thi­sierte mit der KPD, ohne jedoch deren Mitglied zu werden und sich der Par­tei­dis­zi­plin zu unter­wer­fen. Von Februar 1933 bis Mai 1933 war “Beppo” Römer im Berliner Columbiahaus inhaftiert. 1934 plante er mit Nikolaus Christoph von Halem und Paul Joseph Stuermer ein Attentat auf Hitler.

Doch seine erneute Verhaftung machte die Pläne zunichte. Bis 1939 war „Beppo“ Römer im Konzentrationslager Dachau interniert. Danach setzte er die Unter­grund­tä­tig­keit fort. Nach einer weiteren Verhaftung wurde „Beppo“ Römer 1942 vom Volks­ge­richts­hof zum Tode ver­ur­teilt. Zwei Jahre später wurde das Urteil vollstreckt. Am 25. September 1944 wurde „Beppo“ Römer im Zuchthaus Brandenburg mit dem Fallbeil hingerichtet.

Susanne Römer war zwei Jahre alt, als ihr Vater hingerichtet wurde. Sie hat ihn nie persönlich erlebt. Nach Kriegsende wuchs Susanne Römer bei Mutter und Großmutter auf. Nach Konfirmation und Mittlerer Reife in Bad Salzuflen folgte der Umzug in die Schweiz und der Besuch einer französisch-sprachigen Oberschule in Lausanne. Dann kehrte sie zurück nach Deutschland: 1962 Abitur in Bad Salzuflen, danach Studium der Soziologie in Göttingen und ab 1964 an der Freien Universität Berlin. Sie war in einer Unternehmensberatung, beim Schulsenator in Berlin und beim Bundesinstitut für Berufsbildungsforschung in Berlin tätig. 1978 erfolgte die Promotion.

Von 1978 bis 1992 war Susanne Römer Geschäftsführerin der Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ), deren Arbeit sie auch nach 1992 unterstützte. Sie war außerdem Mitglied in der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten« (VVN-BdA). Ab Mitte der 1990er Jahre gehörte Susanne Römer dem Vorstand des Berliner Landesverbandes an.

Beppo römer RevolutionSeit den 1990er Jahren widmete sich Susanne Römer dem Gedenken an ihren Vater auch in publizistischer Form. Sie veröffentlichte zusammen mit Hans Coppi einen Reprint der von ihrem Vater herausgegebenen Zeitschrift „Aufbruch“. Mit Oswald Bindrich verfasste sie die Dokumentation: „Beppo Römer: Ein Leben zwischen Revolution und Nation“.

Susanne Römer starb am 30. April 2015 in ihrem Haus in Berlin-Zehlendorf. Ein Jahr zuvor hatten meine Frau Nina und ich gemeinsam mit Susanne Römer (Bild) eine Veranstaltung zu Ehren ihres Vaters durchgeführt – mit Unterstützung ihrer Mit-Autoren Oswald Bindrich und Hans Coppi. Den Film von der Veranstaltung finden Sie hier.

Ich bin froh, dass es diese gemeinsame Veranstaltung mit Susanne Römer – ein Jahr vor ihrem Tod – gegeben hat.