Schweinefraß

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“? An die Zeit meiner Berufsausbildung (1974 bis 1977) denke ich gerne zurück. In der Fabrik, in der ich lernte, wurden Blas- und Pressformen für die Glas- und Kunststoffindustrie hergestellt. Das war in jeder Hinsicht eine „lehrreiche“ Zeit – und eine völlig andere Arbeitswelt als die des Hafens. Ich gehörte dem Ortsjugendausschuss der IG Metall an und beteiligte mich an der Gründung einer gewerkschaftlichen Betriebsjugendgruppe. Einige Erlebnisse von damals klingen noch heute bizarr. Dazu gehört die Sache mit dem Schweinefraß.

In dem Betrieb gab es keine Kantine, sondern nur einen einfachen Pausenraum. Das Mittagessen für die rund 100 Beschäftigten wurde von einer Großküche täglich frisch und portionsfertig in Schalen aus Alufolie geliefert. Die Großküche stellte außerdem in zwei Blechkübeln „Nachschlag“ bereit: meistens Kartoffeln in dem einen und Gemüse in dem anderen Behälter. Das Angebot wurde von fast allen Beschäftigten genutzt. Nur wenige brachten im „Henkelmann“ ihr Essen von zu Hause mit.

Die Ausbildungsvergütung war gering – und reichte hinten und vorne nicht. Trotz der Hilfe, die ich vom Wohnungsamt erhielt, hatte ich Mühe, die Miete zu bezahlen. Deshalb wollte ich die Kosten für das Essen der Großküche sparen. Ich aß nur von dem Nachschlag, der übrig blieb. Die Kübel waren am Ende der Pause noch gut gefüllt. Wer sich davon etwas nahm, nahm anderen nichts weg. Das glaubte ich jedenfalls.

Aber ich hatte mich geirrt. Schon nach wenigen Tagen sprach der Betriebsratsvorsitzende ein „Machtwort“. Er verbot mir, mich am Ende der Pause aus den Kübeln zu bedienen. Der „Nachschlag“ stünde nur denen zu, die für das Essen zahlten. Doch mit Hilfe meiner Lehrlings-Kollegen konnte ich das Verbot umgehen: wer von ihnen zuerst mit dem Essen fertig war, füllte etwas „Nachschlag“ in seine Alu-Schale – ohne den „Nachschlag“ aufzuessen. Die gefüllte Schale wurde an mich weitergereicht.

Dass der Betriebsratsvorsitzende gute Gründe hatte, mir den „Nachschlag“ zu verweigern, erfuhr ich erst später. Den „Nachschlag“ brauchte er nämlich selbst. Er wohnte mit seiner Familie außerhalb der Stadt – auf dem Land. Die Familie besaß ein Schwein. Die Essensreste aus den Kübeln nahm er täglich mit nach Hause, um sie an das Schwein zu verfüttern.

Der Lehrling sollte dem Schwein nicht das Essen wegfressen.