Regietheater

Im Deutschen Theater in Berlin wurde ein Schauspiel von Heinrich von Kleist aufgeführt: Käthchen von Heilbronn. Ein Freund bot meiner Frau und mir zwei Karten an. Er selbst war verhindert. Als er meinen skeptischen Blick bemerkte, sagte er: „Da könnt ihr ruhig hingehen. Bei dem Stück kann doch kein Regisseur etwas falsch machen.“

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Foto: Andreas Praefcke, Lizenz: GFDL oder CC BY 3.0

Wir hatten gute Plätze – in der zweiten Reihe. Alles andere war weniger schön. Es handelte sich um eine der üblichen, angeblich „modernen“ Inszenierungen, die in Wahrheit altbacken sind: Das Regietheater des letzten Jahrhunderts, in dem für den Dichter oder Autor selbst kaum noch Platz ist.

330px-Heinrich_von_Kleist2Nach einigen Minuten platzte mir der Kragen. Dem Schauspieler, der allein auf der Bühne stand und mit dem Beamer hantierte, rief ich zu: „Der arme Heinrich von Kleist“. Schlagfertig antwortete er, dass „der“ doch schon lange tot sei. „Und Ihr macht ihn noch toter“ entgegnete ich. Das war für den Schauspieler wohl zu viel. Wortlos verließ er die Bühne. Eine Minute verging, ohne dass etwas passierte. Das Publikum wurde unruhig. Dann kam der Schauspieler wieder. Er forderte mich auf, zu ihm auf die Bühne zu kommen. 

Am Ende der Aufführung sang der Chor. Dazu erhoben sich die Sänger von ihren Sitzen. Sie hatten die ganze Zeit im Parkett gesessen – mitten im Publikum. Deshalb hielten manche Theaterbesucher jetzt auch mich für ein Mitglied des Ensembles – und meinen Zwischenruf für einen Teil der Inszenierung. Nach der Aufführung – beim Hinausgehen – hörten meine Frau und ich, dass sich mehrere Besucher darüber unterhielten. Eine Dame, die vor uns ging, bewunderte lautstark die vermeintliche Selbstironie des Regisseurs – und bezog sich dabei auf meinen Zwischenruf. Diese Reaktionen teilte ich am nächsten Tag dem Regisseur mit – und bot ihm die Verwertungsrechte für den Zwischenruf an.

Aber der Regisseur war nicht daran interessiert.