Hafenromantik

Große FreiheitSchon früh träumte ich davon, zur See zu fahren. Das lag auch an den Filmen, die ich gesehen hatte. Der Film-Klassiker „Große Freiheit Nr. 7” (mit Hans Albers) berührt mich noch heute. Mein verklärter Blick auf alles, was mit Schiffen zu tun hatte, trieb mich regelmäßig zum Hafen meiner Heimatstadt – auch wenn hier nur kleinere Seeschiffe (Kümos) und Binnenschiffe lagen. Als Jugendlicher arbeitete ich in einem der Umschlagbetriebe mit – und scheiterte in der Schule schon nach der achten Klasse. Aber das war mir egal. In der Welt, in der ich leben wollte, brauchte man keinen Hauptschulabschluss.

Oldenburg Hafen 2Es war eine Welt, die es nicht mehr gibt. Die meisten Arbeiter in dem Hafenbetrieb waren Tagelöhner. Ihr Stundenlohn betrug 5,27 DM brutto. Ausgezahlt (netto) wurden pro Arbeitstag knapp 30,- DM. Das war schon damals (1973 – 1974) wenig. Nur wer im Akkord arbeitete, verdiente mehr.

Den ausgezahlten Tageslohn trugen die Arbeiter oft direkt in die nahegelegene Kneipe („Holsten-Eck“ an der Kaiserstraße). Das Geld fehlte dann für andere Zwecke. Mancher von ihnen konnte sich am nächsten Morgen nicht einmal mehr ein Brötchen leisten. Wer in der Nacht nicht nach Hause fand (oder die Unterkunft verloren hatte), übernachtete in einem Lagerschuppen auf dem Hafengelände – auf Kartonagen als Unterlage. Zudecken lagen genügend herum. Auch ich hatte dort eine Zeitlang meine Schlafstatt – direkt am Eingang und mit vielen Störungen in der Nacht. In dem Lagerschuppen hauste sonst nur „Hannes“, ein Rentner, der vor 1945 in einem KZ eingesperrt gewesen war. Hannes verdiente sich im Betrieb mit Hilfsarbeiten ein Zubrot – und kümmerte sich fürsorglich um seine „Mitbewohner“. Die Batterie von Wassereimern, in denen er tagelang die schmutzige Kleidung einweichte, werde ich nie vergessen. Das Ergebnis dieser „Waschtechnik“ war verblüffend gut. Gelegentlich sorgte Hannes auch für das Frühstück der Männer. 

Oldenburg Alte BadeanstaltDuschräume gab es in dem Betrieb nicht – trotz des Schmutzes, der mit der Tätigkeit verbunden war. Wer privat keine Möglichkeit hatte, sich gründlich zu waschen, suchte einmal pro Woche die alte städtische Badeanstalt auf. Dort gab es Kabinen mit Badewannen, in denen man sich in Ruhe reinigen konnte. Zu den Nutzern gehörten die Untermieter möblierter Zimmer, aber auch die Mieter von Altbauwohnungen, die nicht über eine Dusche bzw. ein Badezimmer verfügten.

In dem Umschlagbetrieb, in dem ich arbeitete, wurden in der Regel nur Schiffe entladen. Ihre neue Fracht erhielten die Schiffe an anderer Stelle – fast das ganze Jahr über. Nur zwischen Herbst und Jahresende war es anders. In dieser Zeit wurden von uns auch häufiger Schiffe beladen: mit Holz aus den Wäldern der Umgebung.

Oldenburg HolzDie Baumstämme waren von Hand auszurichten. Das taten jeweils zwei Männer mit Hilfe von Spitzhacken, die sie in das Holz schlugen. So bewegten sie die Baumstämme in die gewünschte Richtung. Saß das Werkzeug nicht tief genug im Holz, bestand die Gefahr, dass man abrutschte – und über Bord ging.

Bei der Schiffsfracht, die von uns „gelöscht“ wurde, handelte es sich fast ausnahmslos um Stückgut bzw. Sackware: Kunstdünger (z.B. Thomasmehl) oder Getreidemehl der Marke „Aurora“. Das Thomasmehl war zu je 50 kg, das Getreidemehl sogar zu je 60 kg in Papiersäcken verpackt. Daneben gab es Kunststoffsäcke mit harnstoffhaltigem Dünger, die nicht nur wegen des Gewichts (60 kg), sondern auch wegen ihres Inhalts unangenehm waren. Denn viele dieser Säcke waren undicht, so dass die Hände mit dem Inhalt in Berührung kamen – und die Haut brannte. Handschuhe waren keine Lösung. Mit ihnen konnte man die glatten Plastiksäcke nicht greifen: sie wären aus der Hand gerutscht.

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Die Sackware wurde oft in Güterwaggons verladen – durch Akkordkolonnen zu je fünf Mann: zwei im Schiff, zwei auf der Rampe des Waggons und einer, der im Waggon die Sackkarre fuhr. Eine Kolonne schaffte pro Schicht 200 t bis 250 t. Das waren zwischen 4.000 und 5.000 Säcke á 50 kg. Die beiden Männer im Schiff packten jeweils einzeln bis zu 30 Säcke zu einem „Hiev“ zusammen, der vom Kran auf die Rampe des Waggons befördert wurde. Die zwei Arbeiter, die auf der Rampe des Waggons standen, luden die Säcke zu zweit auf die Sackkarre, die vom fünften Mann gefahren wurde. Die Karre musste mit Geschick abgekippt werden, damit im Waggon 500 Säcke Platz fanden. Das war nicht einfach. Die Kolonne war „eingespielt“. Jeder hatte seine Rolle. Einen Einsatzwechsel zwischen Frachtraum und Rampe habe ich nur selten erlebt. Und der Lohn für diese Schinderei? Bei einer Tagesleistung von acht Waggons bzw. 4.000 Säcken á 50 kg erhielt jeder der fünf Männer am Ende des Tages rund 100 DM – bar auf die Hand (Stand 1973).

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Meine damaligen Kollegen: einer der Oltmann-Brüder (links) und „Fuzzi“ im Frachtraum des Schiffes. Bild: Peter Kreier, 1974

Unser Vorarbeiter, Heinz Schönnagel, war Vorgesetzter und „väterlicher Freund“ zugleich. Eine Art „John Wayne“, der dem Western-Helden auch äußerlich ähnelte. Ich war stolz, als er mich nach wenigen Monaten einer Akkordkolonne zuteilte. Damit wechselte ich vom Stundenlohn in den Akkordlohn – und gehörte Reval_cigaretten_echt_im_tabak_ks_19_s_germanyendlich „richtig“ dazu. Nach dem Jugendarbeitsschutz-Gesetz war das nicht erlaubt, aber das interessierte niemanden. Am ersten Tag machte ich nach dem dritten Waggon „schlapp“. Daraufhin bot mir der Vorarbeiter eine Zigarette der Marke »Reval« an – ohne Filter. Das empfand ich als Auszeichnung – und so war es auch gemeint. Ich durfte in der Kolonne bleiben. Dem Vorarbeiter blieb ich sein Leben lang verbunden.

Die Arbeit im Hafen hatte nichts daran geändert, dass ich zur See fahren wollte. Voller Ungeduld wartete ich darauf, volljährig zu sein, um beim Seemannsamt das Seefahrtsbuch beantragen zu können. Doch dann kam alles anders. In einer nahegelegenen Fabrik erhielt ich einen Ausbildungsplatz – trotz des fehlenden Hauptschulabschlusses. Damit waren die Weichen neu gestellt. Nach Abschluss der Berufsausbildung zog ich nach West-Berlin.

Der Hafenbetrieb verschwand, und das Büro des Hafenmeisters wurde zum Restaurant.

Das ist rund 40 Jahre her. Seitdem hat sich vieles verändert. Den Hafenbetrieb aus meiner Jugendzeit gibt es nicht mehr. Die Lagerschuppen sind abgerissen, der Hafen wurde modernisiert und ausgebaut. Ein Teil des Hafengeländes wird jetzt für andere Zwecke genutzt. Wo früher Frachtschiffe „gelöscht“ wurden, liegen nun Segelboote und Yachten. Und in den ehemaligen Räumen des Hafenmeisters befindet sich ein Edel-Restaurant. An den alten Hafenbetrieb – und den Vorarbeiter – denke ich manchmal mit Wehmut zurück.

So sieht ein Teil des modernisierten Hafens heute aus.