Hafenromantik

Große FreiheitSchon früh träumte ich davon, zur See zu fahren. Das lag auch an den Filmen, die ich gesehen hatte. Der Klassiker „Große Freiheit Nr. 7” (mit Hans Albers) begeistert mich noch heute. Mein verklärter Blick auf alles, was mit Schiffen zu tun hatte, trieb mich oft zum Hafen meiner Heimatstadt, obwohl hier nur kleinere Seeschiffe (Kümos) und Binnenschiffe lagen. In einem der Umschlagbetriebe (Midgard) arbeitete ich als Schüler nebenbei mit. Als ich von der Schule abging, wurde daraus ein Vollzeitjob. Ich hatte die neunte Klasse nicht geschafft und somit auch den Hauptschulabschluss nicht erreicht. Aber das war mir egal. In der Welt, in der ich leben wollte, kam es darauf nicht an.

Roland Wehl
Der frühere Hafen meiner Heimatstadt (1973)

Es war eine Welt, die es nicht mehr gibt. Viele Arbeiter im Hafen waren „Tagelöhner“. Der Zeitlohn für acht Stunden betrug rund 30 DM netto (42,16 DM brutto). So kam man monatlich – bei 20 Arbeitstagen – auf etwa 600 DM. Das war schon damals (1973/74) wenig. Mehr verdienen konnte man nur im Akkord. 

Die Männer trugen den Lohn oft direkt in die nahe gelegene Kneipe („Holsten-Eck“) am Stau/Ecke Kaiserstraße. Dort verkehrten auch die Zuhälter, deren Frauen in der Umgebung auf den Strich gingen. Während sich die Männer mit Glückspiel die Zeit vertrieben, standen die Frauen an der Straße, um „anzuschaffen“. Von dem Milieu war ich fasziniert. Von den „Anstandsregeln“, die dort herrschten, war ich beeindruckt. Ich trat dem Boxclub bei, in dem einer der Männer trainierte. Drei Jahre danach lernte ich in dem Lokal meine spätere Ehefrau kennen. Sie stand seit einigen Tagen als Serviererin hinter dem Tresen. Ein Jahr später zogen wir nach Berlin und heirateten. Nach zwei Jahren trennten wir uns.

Das Geld, das die Arbeiter in der Kneipe ließen, fehlte ihnen für andere Zwecke. Einige konnten sich am nächsten Morgen nicht einmal mehr ein Brötchen leisten. Wer nachts nicht den Weg nach Hause fand oder wegen Mietschulden die Unterkunft verloren hatte, übernachtete in einem alten Lagerschuppen auf dem Hafengelände. Kartonagen dienten als Matraze. Dort befand sich eine Zeitlang auch meine Schlafstatt.

In dem Lagerschuppen hauste sonst nur Hannes, ein Rentner, der vor 1945 in einem KZ inhaftiert gewesen war. Er verdiente sich im Betrieb mit Hilfsarbeiten ein Zubrot – und kümmerte sich nebenbei auf fürsorgliche Weise um seine „Mitbewohner“. Ich erinnere mich an die Batterie von Wassereimern, in denen tagelang schmutzige Wäsche eingeweicht wurde. Das Ergebnis war verblüffend gut.

Alte Badeanstalt
In der Badeanstalt lernte ich auch Schwimmen

Duschräume gab es in dem Betrieb nicht – trotz des Schmutzes, der mit der Arbeit verbunden war. Wer privat keine Möglichkeit hatte, sich gründlich zu waschen, suchte am Wochenende die alte städtische Badeanstalt auf, die sich in der Nähe unseres Betriebes befand. Dort gab es Kabinen mit Badewannen, in denen man sich in Ruhe reinigen konnte. An solchen Einrichtungen gab es damals noch einigen Bedarf. Als Kind hatte ich in der Badeanstalt Schwimmen gelernt.

In dem Hafenbereich, in dem ich arbeitete, legten ausschließlich Schiffe an, die Stückgut geladen hatten. Neu beladen wurden die Schiffe an anderen Orten. Nur im Herbst mussten wir regelmäßig auch Schiffe beladen: mit Holz aus den umliegenden Wäldern.

Hafen Holz
Verladen des Holzes im Betrieb

Beim Beladen des Holzes war auf die Stabilität der Fracht zu achten, da die Gefahr des Kenterns groß war. Das galt vor allem für die Seeschiffe.  Die Baumstämme wurden einzeln – mit Hilfe kleiner Spitzhacken – von jeweils zwei Männern in die richtige Position gezogen. Saß die Spitzhacke nicht tief genug im Holz, konnte man leicht abrutschen – und über Bord gehen.

Bei dem Stückgut handelte es sich vor allem um Säcke mit Getreidemehl oder Kunstdünger (bspw. Thomasmehl). Das Thomasmehl war zu je 50 kg, das Getreidemehl zu je 60 kg in Papiersäcke verpackt. Unangenehm waren die Plastik-Säcke, die Harnstoff-Kristalle enthielten. Sie waren 60 kg schwer und oft undicht. Berührten die Hände den Inhalt, brannte die Haut. Handschuhe waren keine Lösung, weil man damit keine Plastiksäcke greifen konnte: sie wären aus der Hand gerutscht.

Hafen Roland Wehl
Arbeitsalltag in dem Hafenbetrieb: Verladen von Kunstdünger-Säcken in Eisenbahn-Waggons

Die Säcke wurden meistens in Güterwaggons verladen – durch Akkordkolonnen zu je fünf Mann: zwei im Schiff, zwei auf der Rampe des Waggons und einer, der im Waggon die Sackkarre fuhr. Eine Kolonne schaffte pro Tag 200 t bis 250 t. Das waren beim Thomasmehl zwischen 4.000 und 5.000 Säcke á 50 kg. Die beiden Männer im Schiff packten jeweils einzeln bis zu 30 Säcke zu einem „Hiev“ zusammen, der vom Kran auf die Rampe des Waggons befördert wurde. Die zwei Arbeiter, die auf der Rampe des Waggons standen, luden die Säcke zu zweit auf die Sackkarre, die vom fünften Mann gefahren wurde. Die Karre musste mit Geschick abgekippt werden, damit im Waggon 500 Säcke Platz fanden. Das war nicht einfach. Die Kolonne war „eingespielt“. Jeder hatte seine Rolle. Einen Einsatzwechsel zwischen Frachtraum und Rampe gab es nur selten.

Im Akkord konnte man oft das Dreifache des normalen Zeitlohns verdienen. Allerdings war auch der Arbeitstag in der Regel etwas länger. Für die Verladung von 4.000 Säcken mit Thomasmehl erhielt jeder der fünf Arbeiter, die zusammen eine Kolonne bildeten, am Ende des Tages fast 100 DM „bar auf die Hand“. Das war nur selten in acht Stunden zu schaffen. Und nicht jeden Tag konnte man man mit diesem hohen Verdienst rechnen. Umso unbegreiflicher, wenn schon am nächsten Morgen der hart verdiente Lohn „weg“ war.

Der Vorarbeiter, Heinz Schönagel, war nicht nur Vorgesetzter, sondern auch „väterlicher Freund“. Seine Autorität war von den Männern anerkannt. Sie wussten, dass sie sich auf ihn verlassen konnten. Er hatte sich immer wieder für ihre Interessen eingesetzt, obwohl ihm das nicht immer gedankt worden war. Nicht nur äußerlich ähnelte er dem Western-Helden, der in alten amerikanischen Filmen von dem Schauspieler John Wayne verkörpert wird. Ich verehrte den Vorarbeiter und war stolz, als er mich eines Tages einer Akkordkolonne zuteilte. Einer der Männer war ausgefallen. Ich sollte ihn ersetzen.

Reval_cigaretten_echt_im_tabak_ks_19_s_germanyMein Platz in der Kolonne war auf der „Rampe“. Gemeinsam mit einem Kollegen packte ich die Säcke, die der Kran auf der Rampe abgeladen hatte, auf die Sackkarren. Am ersten Tag in der Kolonne machte ich nach dem dritten Waggon (nach immerhin 1.500 Säcken) „schlapp“. Es ging mir schlecht. Daraufhin reichte mir der Vorarbeiter eine Zigarette: eine »Reval« ohne Filter. Das war wohl als Anerkennung gemeint. Am Nachmittag desselben Tages wurde ich von den Kollegen der Kolonne „getauft“: sie packten mich an Händen und Füßen und warfen mich mit Schwung – und voller Montur – ins Hafenbecken. Damit gehörte ich endlich richtig „dazu“ – auch wenn ich nur der „Ersatzmann“ war.

Eigentlich hätte ich in der Akkordkolonne gar nicht mitarbeiten dürfen, denn Akkordarbeit war für Jugendliche verboten. Außerdem war das Gewicht der Säcke (50 kg und 60 kg) für Jugendliche nicht zulässig. Das gilt heute auch für Erwachsene. Nach den jetzigen gesetzlichen Bestimmungen („Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei manueller Handhabung von Lasten bei der Arbeit“) liegt bei Tätigkeiten, die mit „häufigem Heben und Tragen“ verbunden sind, die zulässige „Grenzhublast“ für Männer bei 30 kg und für Jugendliche bei 20 kg. Höhere Lasten sind nur bei „gelegentlichem“ Heben – im Durchschnitt einmal pro Stunde – erlaubt.

Meine Kollegen waren alle älter als ich. Sie hießen Peter Staschen und August Hechler (verstorben), Rolf O., der sich 1975 mit mir eine Wohnung teilte, bis wir uns zerstritten, weil er mich bestohlen hatte (sechs Monate später erdrosselte er einen Saufkumpan), Hans R., der im Papierlager arbeitete und mich lange Zeit schikanierte (als er später in der JVA Hannover eine Haftstrafe absaß, wurde ich zu seiner offiziellen „Bezugsperson“, damit er Hafturlaub erhalten konnte), Klaus Schumann (verstorben), der zahnlose „Fuzzi“, Erich, Ronny, Willi, die Oltmann-Brüder (war kein Schiff zu entladen, gingen sie ins Moor, um Torf zu stechen) und andere. Vermutlich sind auch einige von denen, deren Namen ich gekürzt habe, in der Zwischenzeit verstorben.

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Im Frachtraum eines Schiffes: links einer der Oltmann-Brüder, rechts Kollege „Fuzzi“. Jeder der beiden Männer bewegte am Tag mindestens 2.000 Säcke, die jeweils 50 kg oder sogar 60 kg wogen. Insgesamt also 4.000 Säcke pro Tag. Bild: Peter Kreier, 1974

Die Arbeit im Hafen hatte nichts an meinem Wunsch geändert, zur See zu fahren. Voller Ungeduld wartete ich darauf, volljährig zu werden, um beim Seemannsamt in Brake (Unterweser) das Seefahrtsbuch beantragen zu können. Doch es kam ganz anders. Eine Glasformenfabrik, in der u.a. Metallformen für die Glashütten gefertigt wurden, bot mir einen Ausbildungsplatz an – trotz des fehlenden Hauptschulabschlusses. Als Lehrling bzw. „Auszubildender“ arbeitete ich zwar noch hin und wieder Samstags im Hafen mit. Aber das passierte selten, denn in der Regel ruhte am Wochenende der Hafenbetrieb.

Meine Verbindung zu dem Vorarbeiter, Heinz Schönagel, blieb noch lange bestehen. Er hatte die ganze Zeit wohlwollend seine Hand über mich gehalten. Dabei überschritt er einmal sogar die Grenze des Erlaubten. Unter Inkaufnahme eines hohen eigenen Risikos verschaffte er mir einen Vorteil, der mir nicht zustand:

Wenige Tage nach Beginn meiner Ausbildung besuchte ich die Kollegen im Hafen – und erhielt vom Vorarbeiter sofort einen „Anschiss“. Er brüllte mich an, warum ich den Lohn nicht abgeholt hätte! Ich stotterte, weil ich nichts begriff. Ich hatte seit Beginn der Ausbildung nicht mehr im Hafen gearbeitet. Aber das wollte der Vorarbeiter nicht von mir hören. Er hatte mich tagelang – wider besseres Wissen – als Arbeiter gemeldet. „Ab ins Kontor“, schnauzte er mich zum Schluss an. Der unverdiente Lohn wurde mir tatsächlich ausgezahlt. Was hatte sich der Vorarbeiter dabei gedacht? Und warum war er dieses Risiko eingegangen? Ich wagte nicht, ihn zu fragen.

Der Vorarbeiter, Heinz Schönagel, war 40 Jahre älter als ich. Als er starb, war er noch keine 70 Jahre alt. Wenige Jahre zuvor hatte er seine Frau nach schwerer Krankheit verloren. Lange vorher war bereits der Sohn – sie hatten nur ein Kind – tödlich verunglückt. Während Heinz Schönagel mich und die anderen Kollegen natürlich von Anfang an „duzte“ (und von den Kollegen auch selbst „geduzt“ wurde), hatte ich ihn noch Jahre später „gesiezt“. Das „Du“, das er mir irgendwann anbot, kam mir erst spät über die Lippen. Ich empfand viel zu viel Respekt und Hochtung vor diesem Menschen und seiner Lebenserfahrung.

Als der Hafenbetrieb endete, wurde das Büro des Hafenmeisters zum Restaurant.

Meine „Hafenzeit“ liegt mehr als 40 Jahre zurück. Seitdem hat sich in dem Hafengebiet vieles verändert. Den damaligen Umschlagbetrieb gibt es heute nicht mehr. Die alten Lagerschuppen sind abgerissen, der Hafen wurde modernisiert und zum Stadtrand hin ausgebaut. Der vordere Teil des Stadthafens wird jetzt für andere Zwecke genutzt. Wo einst die Ladung der Frachtschiffe „gelöscht“ wurde, liegen nur noch Segelboote und Yachten. Und in den früheren Räumen des Hafenmeisters befindet sich ein Edel-Restaurant.

An den Hafenbetrieb – und den Vorarbeiter – denke ich mit Wehmut zurück.

Nach der Modernisierung des Hafens: die einstigen „Schmuddelecken“ sind verschwunden.