Fast ein Lebenslauf

flugblatt-2016Die deutsche Teilung bewegte mich schon als Jugendlichen und führte mich in unterschiedliche politische Milieus. Die Konflikte, die damit verbunden waren, verraten viel über die damalige Zeit. Inzwischen ist Deutschland vereint. Doch das eigene nationale Selbstverständnis zu definieren, fällt uns noch immer schwer – auch am »Tag der deutschen Einheit« (Bild: Flugblattverteilung am 3. Oktober 2016 ).

Heute ist weitgehend in Vergessenheit geraten, wie umstritten die (Wieder-)Vereinigung gewesen war. Nicht nur im Ausland gab es Vorbehalte. Auch zahlreiche Deutsche waren skeptisch. Viele von ihnen lehnten nicht die Vereinigung an sich, sondern nur die Art der Durchführung ab. Der „Beitritt“ der DDR zur Bundesrepublik, der am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde, war ihnen zu wenig. Sie wünschten sich eine Vereinigung auf Augenhöhe.

Vor der Vereinigung: Zwei Staaten unter jeweils fremdem Oberbefehl

Die beiden deutschen Staaten gehörten gegnerischen Militärbündnissen – NATO bzw. Warschauer Pakt – an. Ihre Armeen standen unter amerikanischem bzw. sowjetischem Oberbefehl. Im „Ernstfall“ hätten also ausländische Befehlshaber entscheiden können, ob Deutsche auf Deutsche schießen.

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Das Brandenburger Tor zur Zeit der deutschen Teilung

Darüber hinaus drohte Deutschland zum atomaren Kriegsschauplatz zu werden. In den 1980er Jahren stationierten die beiden Supermächte USA und UdSSR immer mehr Atomraketen auf deutschem Boden. Dabei spielte der „NATO-Doppelbeschluss“ eine wichtige Rolle. Am Ende beschleunigte das Wettrüsten der Supermächte die Auflösung des „Warschauer Paktes“ – und den Zerfall der Sowjetunion. Das mindert nicht die atomare Gefahr, die damals bestand, zeigt aber, wie widersprüchlich vieles war.

In den „Planspielen“ der Politik kam die deutsche Einheit nicht vor

Die deutsche Teilung war eine Gefahr für den Frieden. Doch viele Politiker glaubten das Gegenteil. Sie hielten schon das Nachdenken über dieses Thema für gefährlich, weil die Verhältnisse damit in Frage gestellt wurden. Die Einheit Deutschlands war – allen Sonntagsreden zum Trotz – einfach nicht vorgesehen. Nicht einmal in den „Planspielen“ des Bonner politischen Apparats. Alles sollte so bleiben, wie es war, denn „Stabilität“ galt als Synonym für „Frieden“. Deshalb stießen auch die Bürgerrechtler des Ostens bei den Regierenden des Westens lange Zeit auf taube Ohren. Wer im Osten demokratische Freiheit forderte, gefährdete angeblich die Stabilität der politischen Machtverhältnisse – und damit letztlich den Frieden.

Der falsche Umgang mit einer existenziellen Frage unserer Nation hatte seinen Preis – und erklärt, warum manche Politiker selbst Ende 1989 nicht die Zeichen der Zeit erkannten. Das gilt auch für jene, die vorher jahrelang die „Anerkennung der Realitäten“ gefordert – und damit nur die staatliche Anerkennung der DDR gemeint hatten. Tatsächlich hatten sie in deutschlandpolitischen Fragen längst den Realitätssinn verloren. Viele von Ihnen glaubten sogar noch in den Tagen nach dem 9. November 1989, dass die Zweistaatlichkeit fortbestehen könnte. Sie hatten sich so sehr an die deutsche Teilung gewöhnt, dass sie sich eine Wiedervereinigung nicht vorstellen konnten.

Familiengeschichte

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Bild: 52 Pickup, Lizenz CC BY-SA 2.5

Meine Eltern, die längst verstorben sind, lernten sich 1945 in Kriegsgefangenschaft kennen. Sie hatten ihre Heimat verloren. Dass der Verlust endgültig war, begriffen sie erst viele Jahre später. Die Familie meines Vaters kam aus Ostpreußen (Sensburg) und Pommern (Stolp). Meine Mutter stammte aus dem kleinen Dorf Kuschten (Kreis Meseritz bei Posen). In Niedersachsen fanden meine Eltern ein neues Zuhause, aber die alte Heimat blieb lange ihr Sehnsuchtsort. Für meinen Vater bis zu seinem Lebensende.

In  der DDR lebten Verwandte von uns. Den Gedanken, im Fall eines Krieges auf unsere Verwandten oder überhaupt auf Deutsche schießen zu sollen, fanden wir ungeheuerlich. Die »Nationale Volksarmee« und die »Bundeswehr« waren aus unserer Sicht „Bürgerkriegs-Armeen“. In einer solchen Armee wollten mein Bruder und ich nicht „dienen“. Mein Bruder berief sich auf seinen christlichen Glauben – und wurde deshalb nicht „eingezogen“. Ich selbst hatte keinen Erfolg. Für meine friedenspolitischen und patriotischen Argumente hatte die Prüfungskommission kein Verständnis. 

Von der „nationalen Frage“ zum Antikommunismus

Unsere kritische Haltung zur Bundeswehr bedeutete nicht, dass wir die Verhältnisse in der DDR guthießen. Die DDR war für uns ein Unrechtsstaat von „sowjetischen Gnaden“. Aber das sahen wohl die meisten Deutschen so. Trotzdem hatten viele Deutsche im Westen ihren „Frieden“ mit der deutschen Teilung und den Verhältnissen in der DDR gemacht. Die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber „Mauer und Stacheldraht“ empörte mich – und führte mich Anfang der 70er Jahre politisch weit nach „rechts“. 

Als 15-jähriger verstand ich mich als „Antikommunist“ – und trat einer rechtsradikalen Jugendorganisation bei. Zwei Jahre später hatte sich mein Weltbild geändert: ich verteilte Flugblätter gegen den Militärputsch in Chile – und schloss mich einer Organisation linker Leute von rechts an. Außerdem engagierte ich mich in der Anti-Atombewegung und – als Mitglied der IG Metall – in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit. Dem Ziel der deutschen Einheit fühlte ich mich weiterhin verbunden, auch wenn die »linken Leute von rechts« nicht von einer „Wiedervereinigung“, sondern von „Neuvereinigung“ sprachen.

Gegen „rechte” und „linke” Antidemokraten

StalinMein Patriotismus war verbunden mit der Idee einer sozial gerechten Gesellschaft. Demokratische Freiheit war die Voraussetzung. Doch in der Bundesrepublik hatten die meisten Linken kein Verständnis für die „nationale Frage“. Und diejenigen Linken, die für die deutsche Einheit eintraten, waren oft keine Demokraten. Die „Marxisten-Leninisten“ unter ihnen verehrten Massenmörder wie Josef Stalin, Mao Tse-tung und später sogar Pol Pot.

Mit Mao Tse-tung und dessen „chinesischem Weg“ zum Sozialismus hatte ich selbst kurze Zeit sympathisiert – in Unkenntnis der Millionen Toten, mit denen dieser Weg gepflastert war. Von der Position der Volksrepublik China in der „deutschen Frage“ war ich begeistert. Meine Freundin gehörte der Schülerorganisation der „maoistischen“ KPD an. Sie schleppte mich eines Tages zu einer Schulungsveranstaltung der Partei. Es ging um Stalins Schrift „Über dialektischen und historischen Materialismus”. Bisher hatte ich den Stalinismus der Mao-Jünger nicht ernst genommen. Doch nun wurde mir klar, dass auch sie auf mindestens einem Auge blind waren. Ein solcher „Linker” wollte ich nicht sein.

Wir waren Dissidenten – „rechte” und „linke” zugleich

Die »linken Leute von rechts« waren anders. Durch ein Flugblatt, das mein älterer Bruder von der Universität mitgebracht hatte, erfuhr ich von ihnen. Diese Leute schienen politisch nicht „einäugig” zu sein, denn sie verurteilten jede Diktatur. Wegen der deutschen Frage waren sie zunächst zu „Antikommunisten“ geworden – und auf der „Rechten” gelandet. Doch mit ihren sonstigen Ansichten und ihrem Lebensgefühl gehörten sie zur „Linken”. Sie waren Dissidenten – „rechte” und „linke” zugleich. Bald gehörte ich dazu.

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Auf einer Anti-Atom-Demo in Stuttgart und auf einer Kundgebung „linker Leute von rechts“ in Berlin. Ich trage das Megaphon.

Wir diskutierten über die Thesen des tschechischen Wirtschaftswissenschaftlers Ota Sik, schwärmten von alternativen Lebensformen, von Rätedemokratie, von genossenschaftlicher Selbstverwaltung, von einem demokratischen Sozialismus  – und vor allem von der Solidarität der unterdrückten Völker. Den politischen Zielen der »Sinn Fein« in Nordirland fühlten wir uns ebenso verbunden wie dem Befreiungskampf der Kurden. Unser Verständnis von “Ethnopluralismus” war antirassistisch und antiuniversalistisch zugleich. Manches, woran wir damals glaubten, erkannten wir später als Irrtum. Einige „Führungskader” trugen unfreiwillig dazu bei.

Im Jahr 1977 – nach Beendigung der Berufsausbildung – fand ich eine Arbeitsstelle in West-Berlin. Dort schloss ich mich gleich der örtlichen Basisgruppe der »linken Leute von rechts« an. Doch mit deren Mitgliedern wurde ich nicht „warm“. Der einzige, mit dem ich mich verstand, verließ kurze Zeit später die Gruppe. Die anderen Mitglieder wirkten immer sehr ernst. Sie schienen sich auch sehr wichtig zu nehmen, jedenfalls lachten sie kaum – schon gar nicht über sich selbst. Einmal begrüßte uns der Sprecher der Basisgruppe mit den Worten: „Genossen, ich bin heute mit der U-Bahn gefahren. Mein Auto ist in der Werkstatt. Es ist ein revolutionäres Gefühl, sich mitten im Volk zu bewegen.“ Da merkte ich, dass nicht nur das Auto defekt war.

Davon unabhängig hatten auch die „Klassiker“, die ich bisher blind verehrt hatte, erste Kratzer bekommen. Das erleichterte mir die Entscheidung, mich von den »linken Leuten von rechts« zu verabschieden. Das bedeutete nicht, dass ich alles „verdammte“, was ich bisher vertreten hatte. Ich sah nur manches mit anderen Augen. Das lag wohl auch an meinen neuen politischen Freunden, die ich in West-Berlin gefunden hatte. Sie kritisierten ebenfalls die Verhältnisse in Osteuropa und traten für die Überwindung der deutschen Teilung ein. Dabei waren sie undogmatisch – und konnten lachen.

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Großer Andrang während des „Internationalen Kongresses für und über Rudolf Bahro“ im Auditorium Maximum der TU Berlin

Einige von ihnen hatte ich 1978 im »Bahro-Komitee« kennengelernt. Das Komitee forderte die Freilassung des in der DDR inhaftierten Regimekritikers Rudolf Bahro und warb für eine Auseinandersetzung mit den politischen Ideen, die Rudolf Bahro in seinem Buch „Die Alternative“ veröffentlicht hatte. Durch das »Bahro-Komitee« ergaben sich einige weitere Aktivitäten: so beteiligte ich mich an einer Initiative für ein »Russell-Tribunal« zur Situation der Menschenrechte in der DDR und an Solidaritätsaktionen für Mitglieder der »Charta 77« in der CSSR. Im „Ostblock“ war die Frage der demokratischen Freiheit unlösbar mit der Frage der Volkssouveränität verbunden: der Weg zur Demokratie führte über das Selbstbestimmungsrecht – und war von sowjetischen Panzern versperrt.

Die DDR nannte uns „Links-Opportunisten und Antikommunisten“

1980 fand in Kassel die »Sozialistische Konferenz« mit rund 1.200 Teilnehmern statt. Fast alle linken Gruppierungen der Bundesrepublik – mit Ausnahme der DKP und ihres Umfeldes – beteiligten sich. Ich gehörte dem Gründungskreis an. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR bezeichnete uns als „Links-Opportunisten und Antikommunisten“ – und erteilte mir ein dauerhaftes Einreiseverbot.

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Infostand des Bahro-Komitees in Berlin am Kurfürstendamm/Ecke Joachimstaler Straße. Ich bin der Fotograf.

Damals engagierte ich mich in unterschiedlichen Organisationen. Für einige von ihnen erstellte ich auch Zeitschriften und Broschüren. Dazu gehörten neben dem »Bahro-Komitee« die »Internationale Liga für Menschenrechte« und die »Juso-Hochschulgruppe« der TU Berlin (obwohl ich nicht studierte). Außerdem arbeitete ich in einer Arbeitsgruppe des Netzwerks Selbsthilfe und in der Aktion 18. März  mit.

18. März: Gemeinsamer Nationalfeiertag in beiden deutschen Staaten

Die »Aktion 18. März« setzte sich – in Erinnerung an die Revolution von 1848 – für einen gemeinsamen Nationalfeiertag in den beiden deutschen Staaten ein. Der frühere Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Heinrich Albertz, und die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz hatten die Schirmherrschaft übernommen. Mit dem gemeinsamen Nationalfeiertag in Ost und West sollte das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen gestärkt werden. Dafür wollte man den »17. Juni« – den damaligen „Feiertag“ im Westen – politisch „opfern“. Das fand ich opportunistisch. Deshalb unterschrieb ich den Aufruf nicht. Doch die Idee des gemeinsamen Nationalfeiertages unterstützte ich von ganzem Herzen – manchmal auch musikalisch (Bild).

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Gemeinsames Singen am 18. März auf dem Friedhof der März-Gefallenen: Volker Schröder mit Megaphon, ich mit Akkordeon.

Seit 1990 kommen die Freunde der »Aktion 18. März« jedes Jahr auf dem »Friedhof der Märzgefallenen« zusammen. Der Gründer der »Aktion 18. März«, Volker Schröder, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Und in Berlin wurde der Platz vor dem Brandenburger Tor im Jahr 2000 in »Platz des 18. März« umbenannt. Inzwischen wird an jedem 18. März in Berlin offiziell „geflaggt“. Wir hoffen, dass der »18. März« irgendwann in Deutschland „nationaler Gedenktag“ sein wird.

Die Berliner Alternative Liste (AL) und die GRÜNEN

Auch Volker Schröder ist „Dissident“. Durch ihn fand ich 1980 den Weg zur Westberliner »Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz« (AL). Hier glaubte ich, endlich meine politische Heimat gefunden zu haben, denn die »Alternative Liste« bekannte sich zur deutschen Einheit. 1981 gehörte ich einer Initiative an, die sich mit einem Wahlaufruf an die sozialistische und demokratische Linke West-Berlins wandte.

Die »Alternative Liste (AL)« wurde später zum Berliner Landesverband der »GRÜNEN« – und veränderte sich. 1990 waren es ausgerechnet die »GRÜNEN«, die die Zweistaatlichkeit konservieren wollten – und gegen die Vereinigung stimmten. Zur Bundestagswahl warben sie mit dem Spruch: „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter“. Das wollte ich nicht mittragen. So endete – nach zehn Jahren – meine Mitgliedschaft bei den »GRÜNEN«.

Der Fall der Mauer und die deutsche Einheit

Von den »GRÜNEN« war ich enttäuscht. Aber ein politischer Traum hatte sich erfüllt: Die Mauer war offen, die Menschen in Deutschland waren nicht mehr getrennt. Umso mehr bedauerte ich später die Form, in der die staatliche Vereinigung vollzogen wurde.

Berliner Mauer - 1989
Die Menschen aus Potsdam wandern am 10. November 1989 über die Glienicker Brücke Richtung Berlin-Wannsee

Nie werde ich den Abend des 9. November 1989 und die darauffolgenden Tage vergessen. Die Menschen – aus Ost und West – weinten vor Glück. Ein Menschenstrom aus Potsdam zog nah bei unserem Haus vorbei. Wir wohnten damals in der Nähe der Glienicker Brücke, die Berlin und Potsdam verbindet. Immer wieder baten wir Fußgänger zu uns herein. Es war eine unglaubliche Atmosphäre. Wir redeten miteinander, als seien wir seit Jahren vertraut. Wir gehörten ja „zusammen“.

Regionalismus und „nationale Frage“

wir selbst

In Deutschland ging es bei der „nationalen Frage“ um die Überwindung der deutschen Teilung. Anderswo war es umgekehrt. In den 70er Jahren war der Regionalismus in Europa neu aufgelebt. Minderheiten wollten sich vom Zentralstaat lösen – das war deren „nationale Frage“. So forderten z.B. die Inuit in Grönland ihre Unabhängigkeit von Dänemark. Mit Freunden und einigen Prominenten hatte ich das Grönland-Komitee gegründet. Dadurch lernte ich Redakteure der Zeitschrift wir selbst kennen. Auch sie waren »linke Leute von rechts« – aber anders als diejenigen, denen ich in den 70er Jahren begegnet war. 1983 entschloss ich mich, bei der Zeitschrift mitzuarbeiten. Mein erster Artikel behandelte den zehnten Jahrestag des Militärputsches in Chile. In den letzten Jahren erschien die Zeitschrift nur unregelmäßig und stellte elf Jahre nach dem Fall der Mauer ihr Erscheinen ganz ein. Politisch hatte sich die Zeitschrift bereits seit längerer Zeit „zurückentwickelt“. Die „Selbstkritik“ früherer Redaktionsmitglieder finden Sie hier.

Junge FreiheitAnfang der 90er Jahre begegnete ich Dieter Stein, dem Chefredakteur der Jungen Freiheit. Die Zeitung verstand sich als „nationalkonservativ“. Doch die Suche nach dem Profil war noch lange nicht abgeschlossen. Zwischen 1994 und 1998 gab es in der Redaktion heftige Diskussionen über den zukünftigen Kurs. Daran beteiligte ich mich – auch mit eigenen Artikeln in der Zeitung. In einigen Beiträgen plädierte ich für einen „anderen Blick“ auf die damalige „Volkspartei des Ostens“ – die PDS (heute DIE LINKE).

Neues-Deutschland-1024x163Auf Wunsch der »sozialistischen Tageszeitung« Neues Deutschland verfasste ich 1998 zwei Beiträge zum Thema: „Wie national muss die Linke sein?“. Damit wollte die Redaktion eine Debatte in der PDS anstoßen – hatte aber nicht mit dem „beispiellosen Echo“ (Sebastian Prinz in: »Programmatische Entwicklung der PDS«, Wiesbaden 2010) nach meinem ersten Beitrag gerechnet. Die meisten Leserzuschriften waren zustimmend. Doch in der Führung der PDS war die Debatte umstritten. Die frühere stellvertretende Parteivorsitzende, Angela Marquardt, kündigte sogar das Abonnement der Zeitung. Sie hatte so ziemlich alles missverstanden. Daraufhin beschloss die Redaktion, meinen zweiten Beitrag „vorerst“ zurückzustellen. Dabei blieb es.  Die Debatte war beendet.

Zwischenbemerkung: Etwas Ähnliches erlebte ich Ende 2014 mit der Zeitung »Junge Freiheit«. Auch dort wurde eine Debatte, die ein Beitrag von mir ausgelöst hatte, nach kurzer Zeit beendet. Der ursprünglich vorgesehene zweite Beitrag wurde nicht mehr gedruckt.

Der Fernsehmoderator und spätere Hörfunkdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), Johann Michael Möller, vertrat später die Auffassung, die Debatte im »Neuen Deutschland« sei keine „Kopfgeburt“ der Redakteure gewesen, sondern habe einer „latenten Stimmung“ in der PDS Rechnung getragen.

Denken in „Schubladen“ 

Über die Debatte im »Neuen Deutschland« berichteten auch andere Medien. Die Tatsache, dass in einer linken Zeitung wochenlang über die Nation diskutiert worden war, erschien vielen Journalisten bemerkenswert. Einige von ihnen wollten die Debatte skandalisieren, indem sie den Ort der Veröffentlichung kritisierten – und nicht den Inhalt. Man warf mir vor, in der „falschen“ Zeitung publiziert zu haben. Für die einen war das die »Junge Freiheit«, für die anderen das »Neue Deutschland«. Es ging um „Schubladen“.

Kohlenkeller

Wenn mehr über „Schubladen“ als über den Inhalt nachgedacht wird, bleiben die Themen auf der Strecke. Das ist mit ein Grund, warum meine Frau und ich auf die Idee kamen, nach neuen Formen der Begegnung und des Meinungsaustausches zu suchen. In dem früheren Kohlenkeller unseres Hauses ist Raum für viele Themen.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Deutschland ist seit 1990 vereint, die Wunden der Teilung sind weitgehend verheilt. Wir sind zu einem Einwanderungsland geworden – in einer globalisierten Welt, in der nationalstaatliche Konzepte anscheinend an Bedeutung verlieren. Umso wichtiger ist eine Debatte über das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Damit stellt sich auch die Frage unseres nationalen Selbstverständnisses neu.

Welches Fundament braucht eine moderne, für Zuwanderer offene Gesellschaft, die sich solidarischen und demokratischen Zielen verpflichtet fühlt?