Familie und NS-Zeit

Je länger die NS-Zeit zurückliegt, umso schwerer fällt es, die Zeit zu verstehen. Das Ausmaß der Verbrechen verleitet zu einem Pauschalurteil, das dem Einzelnen oft nicht gerecht wird. Das gilt erst recht für diejenigen Menschen, die zu Beginn des „Dritten Reichs“ noch Kinder oder Jugendliche waren. Meine Eltern sind dafür ein Beispiel. Sie gehörten einer Generation an, die für die NS-Ideologie besonders empfänglich war.

Meine Eltern wurden im Jahr 1918 geboren. Zur Zeit ihrer Geburt herrschte nicht nur der Kaiser (Wilhelm II.), sondern auch noch Krieg. Den polnischen Staat gab es damals nicht. Wenige Monate später, am 11. November 1918, war der Krieg zu Ende. Das Deutsche Reich hatte bedingungslos kapituliert.  

Mein Vater, Johannes Wehl, wurde in Thorn (damals Westpreußen) geboren und wuchs in Stolp (Hinterpommern) auf. Seine Eltern (Paul und Martha Wehl, geb. Raygrotzki) verstanden sich als „bekennende Christen“ und gehörten einer pietistischen Gemeinschaft innerhalb der Evangelischen Kirche an. Sie stammten aus Ostpreußen. Dort lebten die Familien Wehl und Raygrotzki schon seit Generationen in Sensburg (Masuren) bzw. dem Umland. In den Schulferien fuhr mein Vater oft zu den Verwandten nach Ostpreußen. Meine Mutter, Elisabeth Wehl, geb. Thiem, wuchs in Kuschten (Kreis Meseritz bei Posen) auf. Ihre Familie besuchte Sonntags zwar den evangelischen Gottesdienst, war aber nicht so strenggläubig war die Familie meines Vaters.

Mein Vater starb Ende 1997, meine Mutter 2013. Sie wurde 95 Jahre alt. Sie hatten sich in der Kriegsgefangenschaft kennengelernt. Ihre Heimat hatten sie verloren. Dass der Verlust endgültig war, erkannten sie erst viel später. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, waren meine Eltern 14 Jahre alt – und leicht zu beeinflussen. Ist das der Grund, warum sie sich gerne an die Zeit in der Hitlerjugend (HJ) bzw. im Bund Deutscher Mädel (BDM) zurück erinnerten?

Nach den Worten meiner Mutter zu urteilen, erlebte sie den BDM als eine Oase persönlicher Freiheit. Das ist leichter zu verstehen, wenn man an die gesellschaftlichen Konventionen bzw. sozialen Schranken denkt, denen junge Frauen früher ausgesetzt waren. Dagegen bot der BDM anscheinend einen Freiraum, der als Selbstbestimmung empfunden wurde: eine Gegenkultur zu traditionellen Strukturen und Autoritäten in Familie, Kirche und Schule. Das war für viele junge Frauen – gerade in der „Provinz“ – eine neue Erfahrung. Wie passte diese emanzipatorische Wahrnehmung mit der totalitären NS-Ideologie zusammen?

Mein Vater als Hitlerjunge

Die Weltwirtschaftskrise hatte auch die Familie meines Vaters getroffen. Mein Großvater Paul Wehl musste Ende der 1920er Jahre sein Geschäft schließen – er ging Bankrott. Später gründete er eine Baustoffhandlung, die ab 1933 florierte. Er war ein fröhlicher Mann, der gerne lachte und sang. Oft schnappte er sich während der Geschäftszeit eine der drei Töchter, um mit ihr zu musizieren. Meine Großmutter sah das nicht gern. Sie war eine ernste Frau und die Autorität in der Familie. Als Buchhalterin leitete sie das Kontor. Sie war der eigentliche „Chef“.

Mein Vater schloss sich früh der sogenannten „bündischen Jugend“ an, die aus einer Vielzahl freier und selbstbestimmter Gruppen bestand. Er und seine Kameraden waren über den Versailler Vertrag und das Diktat der Siegermächte empört. Das entsprach der allgemeinen Stimmung in der Bevölkerung – über alle Parteigrenzen hinweg. 1932 genügte ihm der bisherige Bund nicht mehr. Er trat der Hitlerjugend (HJ) bei – ohne seinen Eltern das zu sagen. Er wusste, dass sie dagegen waren.

Es gibt zwei Bilder, die meinen Vater gemeinsam mit Adolf Hitler vor dessen Berghof auf dem Obersalzberg (Berchtesgaden) zeigen. Die Aufnahmen entstanden am 20. Juli 1937. Auf dem ersten Foto steht mein Vater Hitler (mit Hut) gegenüber und meldet die Anzahl der Jungen, die angetreten sind. Auf dem zweiten Foto reicht Hitler meinem Vater die Hand. Auf der Rückseite ist vermerkt, dass Hitler seinem Adjutanten Schaub (auf dem Bild halb verdeckt) die Anweisung gibt, meinem Vater 400 Mark für die Verpflegung der Jungen auszuzahlen. 

Mein Vater war damals 18 Jahre alt. Er war „beseelt“ von der Idee einer Volksgemeinschaft, in der es den Standesdünkel früherer Zeiten nicht mehr geben sollte. An jene, die nach Auffassung der Rassenfanatiker nicht dazu gehören sollten, dachte er anscheinend nicht. Seine Heimatstadt Stolp hatte 1931 rund 45.000 Einwohner. Es gab 160 jüdische Familien mit etwa 400 Angehörigen. Die Hälfte von ihnen emigrierte ab 1933. Die übrigen wurden im Jahr 1942 deportiert. Von Überlebenden ist nichts bekannt. 

Mein Vater als Soldat

Vater in Afrika-Uniform

Nach dem Abitur leistete mein Vater erst den Arbeitsdient und danach in Berlin den Wehrdienst bei der Luftwaffe ab. Als Soldat gehörte er dem „Regiment General Göring“  an. Ende August 1939 war mein Vater mit seinen Kameraden in Berlin-Wannsee stationiert – auf dem Gelände des heutigen Hahn-Meitner-Instituts. Am 1. September 1939 wollte er seinen 21. Geburtstag feiern. Doch den Kuchen, den er beim Bäcker in Wannsee bestellt hatte, konnte er nicht mehr abholen.

Einen Tag vor dem Geburtstag hieß es „Abmarsch“ Richtung Osten: am darauffolgenden Tag, den 1. September 1939, begann der Angriff auf Polen. 50 Jahre später suchte mein Vater den Bäcker noch einmal auf – gemeinsam mit mir. Den Bäckereibetrieb gab es noch. Wir aßen Kuchen – und mein Vater sprach über das Jahr 1939.

Der Soldat Johannes Wehl hielt den Krieg gegen Polen für einen Akt der Verteidigung. Dafür hatte allein schon die NS-Propaganda gesorgt. Unabhängig davon gab es aber auch eine allgemeine antipolnische Stimmung, die durch das laute Säbelrasseln mancher Polen zusätzlich angeheizt wurde. Hinzu kamen die persönlichen Erlebnisse meines Vaters bei seinen Reisen zu der Verwandtschaft in Ostpreußen. Die Reisen führten durch den polnischen „Korridor“. Das Verhalten der polnischen Beamten empfand mein Vater als Schikane. Den Vorwurf konnte man damals angeblich häufiger hören. 

Unser Vater nahm am Angriff auf Polen teil, wurde aber direkt danach als Soldat entlassen, so dass er das Medizinstudium aufnehmen konnte. Mit Beginn des Westfeldzuges musste er das Studium unterbrechen. Er war eine Zeitlang als Besatzungssoldat in Frankreich und in den Niederlanden stationiert. Wenn er von dieser Zeit erzählte, klang das so, als sei der Umgang mit der Bevölkerung des besetzten Landes freundlich und entspannt gewesen. Nach seinen Worten war das Verhalten der deutschen Soldaten vorbildlich gewesen. Nach dem Ehrenkodex der Wehrmacht hätten sich die Soldaten respektvoll benehmen müssen, um das „deutsche Ansehen“ zu wahren. Im Soldbuch jedes Soldaten sei der „Ehrenkodex“ in Form der „Gebote  für die Kriegsführung“ abgedruckt gewesen.  Soldaten, die dagegen verstoßen hätten, seien hart bestraft worden:

„Erstes Gebot: Der deutsche Soldat kämpft ritterlich für den Sieg seines Volkes. Grausamkeiten und nutzlose Zerstörung sind seiner unwürdig. Zweites Gebot: Der Kämpfer muß uniformiert sein oder mit einem besonders eingeführten, weithin sichtbaren Abzeichen versehen sein. Kämpfen in Zivilkleidung ohne ein solches Abzeichen ist verboten. Drittes Gebot: Es darf kein Gegner getötet werden, der sich ergibt, auch nicht der Freischärler und der Spion. Diebe erhalten ihre gerechte Strafe durch die Gerichte. Viertes Gebot: Kriegsgefangene dürfen nicht mißhandelt oder beleidigt werden. Waffen, Pläne und Aufzeichnungen sind abzunehmen. Von ihrer Habe darf sonst nichts abgenommen werden. Fünftes Gebot: Dum-Dum-Geschosse sind verboten. Geschosse dürfen auch nicht in solche umgestaltet werden. Sechstes Gebot: Das Rote Kreuz ist unverletzlich. Verwundete Gegner sind menschlich zu behandeln. Sanitätspersonal und Feldgeistliche dürfen in ihrer ärtztlichen bzw. seelsorgerischen Tätigkeiten nicht gehindert werden. Siebentes Gebot: Die Zivilbevölkerung ist unverletzlich. Der Soldat darf nicht plündern oder mutwillig zerstören. Geschichtliche Denkmäler und Gebäude, die dem Gottesdienst, der Kunst, Wissenschaft oder der Wohltätigkeit dienen, sind besonders zu achten. Natural und Dienstleistungen von der Bevölkerung dürfen nur auf Befehl von Vorgesetzten gegen Entschädigung beansprucht werden. Achtes Gebot: Neutrales Gebiet darf weder durch Betreten oder Überfliegen noch durch Beschießen in die Kriegshandlungen einbezogen werden. Neuntes Gebot: Gerät ein deutscher Soldat in Gefangenschaft, so muß er auf Befragen seinen Namen und Dienstgrad angeben. Unter keine Umständen darf er über Zugehörigkeit zu seinem Truppenteil und über militärische, politische und wirtschaftliche Verhältnisse auf der deutschen Seite aussagen. Weder durch Versprechungen noch durch Drohungen darf er sich dazu verleiten lassen. Zehntes Gebot: Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Befehle in Dienstsachen sind strafbar. Verstöße des Feindes gegen die unter 1 – 8 aufgeführten Grundsätze sind zu melden. Vergeltungsmaßregeln sind nur auf Befehl der höheren Truppenführung zulässig.

Meine Geschwister und ich hatten an der Darstellung unseres Vaters keinen Zweifel. Das lag wohl auch daran, dass wir manchmal Familien im Ausland besuchten, bei denen unser Vater als Besatzungssoldat einquartiert gewesen war. Dort wurden wir herzlich empfangen. Mit einem gleichaltrigen Sohn der Familie Smeijer (Niederlande) war mein Vater seit der Besatzungszeit befreundet. Er war verheiratet und hatte zwei Söhne. Die Familie wohnte in Zwolle. In den Schulferien besuchten wir uns gegenseitig. Meinen Geschwistern und mir erschien das selbstverständlich. Aber das war es damals natürlich nicht.

Heute vermute ich, dass unser Vater uns auch deshalb von seiner Zeit als Besatzungssoldat erzählte, weil wir verstehen sollten, warum er zunächst nicht glauben konnte, was er nach dem Krieg erfuhr.  Das deckt sich auch mit der Aussage des Historikers Gerhard Hirschfeld, wonach in den westlichen Staaten zu Beginn der Besatzungszeit der Eindruck entstehen konnte, als ob für die „deutschen Behörden ein jüdisches Problem nicht existiere“. Zwar galten auch hier von Anfang an antisemitische Gesetze, aber noch nicht so scharf wie in Deutschland oder gar im besetzten Polen, wo der Massenmord bereits verübt wurde.

Als die Deportationen in den Niederlanden begannen, war mein Vater bereits wieder für das Medizinstudium (Greifswald) vom Kriegsdienst freigestellt. Was hätte er sich gedacht, wenn er die Deportationen miterlebt hätte? Das mörderische Ende wäre ihm wohl kaum in den Sinn gekommen. Die Deportation der Juden wurde nicht durch Soldaten der Wehrmacht, sondern durch Angehörige der Polizeieinheiten durchgeführt – in der Regel mit Unterstützung der Polizei des besetzten Landes. In Frankreich war die Organisation der Deportationen fast vollständig in der Hand der französischen Polizeiorganisation. Dieses Kapitel der jüngeren französischen Geschichte wurde in Frankreich lange Zeit verdrängt. Die Kollaboration der inländischen Polizei wurde auch dadurch vereinfacht, dass die deutschen Behörden behaupteten, die Deportationen dienten einem „Arbeitseinsatz“ im Osten. Nicht nur die Betroffenen glaubten das. Der Vernichtungsapparat hätte wohl kaum funktioniert, wenn alle Menschen alles gewusst hätten.

Krieg und Besatzungspolitik im Westen unterschieden sich deutlich vom Krieg im Osten. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion wurden die „Gebote  für die Kriegsführung“ aus den Soldbüchern der deutschen Soldaten entfernt. Der „Ehrenkodex“ hatte ausgedient. Unabhängig davon wurden im deutsch-sowjetischen Krieg die völkerrechtlichen Regeln der Kriegsführung und des Schutzes der Kriegsgefangenen von beiden Kriegsparteien missachtet. Das Genfer Abkommen von 1929 über die Behandlung von Kriegsgefangenen hatte die Sowjetunion nicht unterschrieben. Die Haager Landkriegs-Ordnung von 1907 war vom zaristischen Rußland zwar unterzeichnet, aber von der Sowjetunion nicht anerkannt worden. Stalin hatte die Verträge des Zaren für aufgelöst erklärt. Wie Stalin über den Schutz von Kriegsgefangenen dachte, verrät seine verächtliche Haltung gegenüber den eigenen sowjetischen Soldaten, die in deutsche Gefangenschaft gerieten (siehe Beitrag  Gedenkfeier). Das Leid der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland lässt sich ohne den Rassenwahn vom „Untermenschen“ wohl kaum erklären.

Meine Mutter als „braune Schwester“

Mutter als Schwester der NSV

Meine Mutter besaß schon als junges Mädchen eine kesse Zunge. Dennoch – oder deshalb – war sie sehr beliebt. Sie war nicht so religiös aufgewachsen wie mein Vater. Das erklärt vielleicht, warum sie auch in politischen Fragen weniger „gläubig“ war als er. Doch vom Nationalsozialismus überzeugt war auch sie. Nach dem Arbeitsdienst wurde sie im Evangelischen Elisabeth-Krankenhaus in Berlin-Schöneberg zur Krankenschwester ausgebildet.

Nach Abschluss der Ausbildung schloss sich meine Mutter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) an. Aufgrund der braunen  Schwesterntracht sprach man auch von „braunen Schwestern“. Sie sollten die Gemeindeschwestern der Diakonie bzw. Caritas verdrängen. Die Oberin der NSV-Schwesternschaft, der meine Mutter angehörte, verfügte über lange Erfahrung. Sie hatte zuvor innerhalb der Evangelischen Kirche eine Schwesternschaft der Diakonie geleitet.

Meine Mutter wurde zunächst als NSV-Schwester im „Warthegau“ eingesetzt. Gegen Ende des Krieges und in der Zeit der Kriegsgefangenschaft war sie im Lazarettdienst tätig. Dort lernte sie meinen Vater kennen. Er hatte das Medizin-Studium noch nicht abgeschlossen und wurde deshalb während der Gefangenschaft als Sanitäter eingesetzt.

Aus ihren Erzählungen weiß ich, dass sie ihren Dienst als NSV-Schwester im „Warthegau“ gern ausübte. Mit dem Motorroller fuhr sie über die Dörfer, besuchte Familien – und freute sich über den abwechslungsreichen Tätigkeit. Das war mitten im Krieg in einem besetzten Land, dessen polnische Bevölkerung unter der Besatzung litt. Da das Gebiet bis 1918 zum Deutschen Reich gehört hatte, lebten noch viele Deutsche hier. Die polnischen Einwohner waren „eingedeutscht“ oder vertrieben, die Juden unter ihnen deportiert worden. In dem Gebiet wurden Familien aus den Baltischen Staaten, die in Folge des Hitler-Stalin-Paktes ihre Heimat verloren hatten, in großer Zahl neu angesiedelt. Einige von ihnen übernahmen die verlassenen Höfe der Polen. Für die anderen standen Neubausiedlungen bereit, die in kurzer Zeit errichtet worden waren. Hätte meine Mutter fröhlich ihren Dienst verrichten können, wenn sie den Zusammenhang begriffen hätte? 

Meine Mutter hatte im „Warthegau“ die Aufgabe, den Familien eine gesunde Lebens- und Ernährungsweise nahezubringen. Dazu gehörten auch neue Arten der Essenszubereitung im Rahmen der von Werner Kollath entwickelten Grundsätze zur  „Vollwertkost“. Kollath war Bakteriologe und Hygieniker, der sich auch zu Fragen der „Rassenhygiene“ äußerte. Während NSV-Schwestern wie meine Mutter die Aufgabe hatten, Familien zu unterstützen und Leben zu fördern, wurde an anderen Orten Leben systematisch vernichtet.

„Wenn das der Führer wüsste…“

Wie die Eltern meiner Mutter (Fritz und Margarethe Thiem, geb. Koch) über das NS-Regime dachten, weiß ich nicht. Fritz Thiem war Polizist und starb in russischer Gefangenschaft. Über die anderen Großeltern, Paul und Martha Wehl, geb. Raygrotzki, weiß ich allerdings, dass sie die NS-Bewegung grundsätzlich ablehnten. Als „entschiedene Christen“ gehörten sie dem Gemeinschaftsverband innerhalb der Evangelischen Kirche an. Die „Deutschen Christen“, die sich der NS-Bewegung anbiederten, waren meinen Großeltern ein Gräuel.

Meine Großeltern lehnten zwar die NS-Bewegung, nicht aber Adolf Hitler ab. Das Gedicht, das Hitler während der Landsberger Haft in Erinnerung an seine Mutter („Wenn deine Mutter alt geworden und älter du geworden bist …“) verfasst hatte, hing ab Mitte der 1930er Jahre als Wandschmuck in der Wohnung der Großeltern. Sie vertrauten dem „Führer und Reichskanzler“ von ganzem Herzen.

Der Satz: „Wenn das der Führer wüsste“ klingt heute in unseren Ohren wie ein schlechter Scherz. Aber damals meinte man das ernst. Es entsprach dem Muster, das man auch aus anderen Zeiten und anderen Verhältnissen kennt: absolute Herrscher genießen oft ein erstaunlich großes Vertrauen. Das war beim sowjetischen Diktator Josef Stalin nicht anders. Manche Opfer der Moskauer Schauprozesse in den 1930er Jahren sollen noch bei ihrer Hinrichtung davon überzeugt gewesen sein, dass Stalin von alldem nichts wusste.

Jugendfreundinnen meiner Mutter

Meine Mutter war imit einer jüdischen Mitschülerin befreundet. Daran änderte sich auch nichts, nachdem meine Mutter dem „Bund deutscher Mädel“ (BDM) beigetreten war. Nach der Schulzeit verloren sich die beiden aus den Augen, da meine Mutter schon bald das Dorf verließ. Mir ist nicht bekannt, unter welchen Bedingungen die Freundin überlebte – und ob Angehörige der Familie Leiser im Holocaust umkamen.

Die Schulfreundin lebte nach dem Krieg in der DDR. Kaum hatte man sich wiedergefunden, musste der Kontakt aus politischen Gründen abgebrochen werden, da sich die Freundin in der SED engagierte. Erst nach dem Fall der Mauer sahen sich die beiden Frauen wieder. Die Begegnung fand in meiner Wohnung in Berlin statt. Die Frauen hatten sich unendlich viel zu erzählen. Doch über die Zeit des Zweiten Weltkriegs verloren sie kein Wort. Schwieg die Schulfreundin aus Taktgefühl? Schwieg meine Mutter aus Scham? Heute wundere ich mich darüber – und auch über mich selbst. Damals wagte ich nicht zu fragen. Nach dem Tod meiner Mutter bemühte ich mich, den Kontakt wieder aufzunehmen, doch da war es zu spät. Die Schulfreundin lebte nicht mehr – und ihren einzigen Sohn konnte ich nicht ausfindig machen.

Bei den Jugendfreundinnen meiner Mutter, die im „Westen“ lebten, war das anders. Hier bestand die gesamte Zeit bis zum Lebensende ein enger Kontakt. Eine dieser Freundinnen habe ich als hart in Erinnerung. Aber das ist ein ungerechtes Urteil. Ihr Ehemann wurde erst spät aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Das Ehepaar hatte eine Tochter, die ebenso wie meine ältere Schwester Anfang der 1950er Jahre geboren wurde. Es war ihr einziges Kind – aber nicht ihr erstes Kind. Die älteren Kinder des Ehepaares hatten das Kriegsende nicht überlebt. Sie waren kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen von der eigenen Mutter getötet worden – aus Angst vor den sowjetischen Soldaten.

Fragen an die „Erlebnis-Generation“

Was wussten die Deutschen damals vom Holocaust? Die Frage stellten sich auch meine Geschwister und ich. Unsere Eltern sagten, sie hätten nichts davon geahnt.

Auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt behauptete, keine Kenntnis gehabt zu haben. In der Frage, wie viele Menschen tatsächlich etwas wussten, gehen die Meinungen weit auseinander. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler (1931 – 1914), dessen fünfbändiges Werk „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ als Standardwerk zur jüngeren deutschen Geschichte gilt, ging davon aus, dass nur wenige hunderttausend Personen von den Massenmorden erfahren hatten. Das ist angesichts der 18,2 Mio. Soldaten, die insgesamt in Wehrmacht und Waffen-SS dienten, eine vergleichsweise niedrige Zahl. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass sich unter denen, die informiert waren, auch zahlreiche Zivilisten befanden. Wehler begründete die geringe Zahl mit der strengen Geheimhaltung – und den harten Strafen, die bei einem Verstoß drohten.

Aber was ist mit denen, die zwar vom Holocaust nichts wussten, die aber als Nachbarn, Kollegen oder Freunde die Schikane und Entrechtung der Juden vorher miterlebt hatten?  Warum hatten die meisten von ihnen schwiegen? War das Schweigen als Billigung der späteren Morde zu werten? Waren diese Deutschen empathielose Ungeheuer?

Alltag in Deutschland 1933 – 1938

Heute glauben viele Menschen, der Alltag im „Dritten Reich“ sei von Verfolgung und Diskriminierung geprägt gewesen. Aus der Perspektive der Opfer trifft das natürlich zu. Doch trotz ihrer großen Zahl war insgesamt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von den Verfolgungsmaßnahmen betroffen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen war davon nicht berührt – und bekam kaum etwas davon mit. Die Historiker sind sich einig, dass das Leben der meisten Deutschen damals erschreckend „normal“ verlief. Sie genossen den wirtschaftlichen Aufschwung, die sozialen Verbesserungen – und vielleicht sogar die Wertschätzung, die das neue Deutschland auch in Teilen des demokratischen Auslands erfuhr. Es gab eine weit verbreitete Aufbruchstimmung, die auch manche Gegner mit dem NS-System versöhnte: „Wo gehobelt wird, fallen Späne“ und „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Ausreden gab es genug.

Für die Mehrheit der Bürger war der Antisemitismus im Alltag nur wenig sichtbar. Manche Deutsche nahmen ihn nicht einmal ernst. Der Religions- und Geisteswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps ist dafür ein tragisches Beispiel. Sein Vater kam in Theresienstadt um, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Schoeps vertrat 1933 die Auffassung, dass der Antisemitismus bald überwunden sei. Er sympathisierte mit dem Nationalsozialismus und wollte sogar die deutschen Juden dafür gewinnen. Als er den Lehrstuhl verlor und aus dem Hochschuldienst entlassen wurde, glaubte er noch an einen Irrtum. Sein Vertrauen in das Deutschland der Dichter und Denker schien grenzenlos zu sein. Heute schütteln viele den Kopf, wenn sie diese Geschichte hören. Dabei kann uns gerade das Beispiel von Hans-Joachim Schoeps helfen, die Zeit des Nationalsozialismus besser zu verstehen.

Die Verhaftungswelle von 1933 richtete sich vor allem gegen politische Gegner. Im März 1933 waren 100.000 Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert. Bis zum Sommer sank ihre Zahl auf 26.000. Im Jahr 1935 waren noch 4.000 Personen inhaftiert. Die Haftzeit betrug damals im Durchschnitt nur wenige Monate. Die Machthaber fühlten sich sicher. Ab 1936 stieg die Zahl der Insassen wieder an, da Angehörige sozialer Randgruppen in das Visier geraten waren: Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Arbeitsscheue“ bzw. „Asoziale“ – und kriminelle Wiederholungstäter. Die Zahl der politischen Häftlinge nahm später wieder zu. Ende 1940 gab es rund 53.000 Häftlinge in Konzentrationslagern. Der Anteil derer, die in den Lagern umkamen, stieg auffällig.

Repression und steigende Zustimmung

Trotz des starken Antisemitismus, den es in Teilen der  Gesellschaft gab, wussten die Machthaber, dass Maßnahmen gegen den jüdischen Bevölkerungsteil nicht auf allgemeine Zustimmung im deutschen Volk stießen. Deshalb sollte die Diskriminierung der Juden schleichend und lautlos erfolgen. Wie richtig die Einschätzung war, zeigte sich Anfang 1933 bei den Boykott-Aktionen gegen jüdische Geschäftsleute, aber auch Ende 1938. Das November-Pogrom („Reichskristallnacht“) war für die NS-Führung ein Desaster – und selbst innerhalb der NS-Bewegung umstritten. Die Bevölkerung reagierte überwiegend mit Abscheu. „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach erließ ein Verbot, in dem der Hitlerjugend (HJ) untersagt wurde, sich an derartigen Ausschreitungen zu beteiligen.

Dennoch ging der Terror weiter. Am 10. Novemer 1938 wurden rund 30.000 männliche Juden in Konzentrationslager eingeliefert. Man wollte sie zur Emigration pressen und nahm ihnen ihr Vermögen ab. Teilweise wurden die Verhafteten durch die Straßen geführt. Wie viele Menschen sahen das – und zogen daraus die richtigen Schlüsse? Später ging die Diskriminierung weiter: jüdischen Deutschen wurde ein zusätzlicher hebräischer Vorname verordnet, Schilder mit der Inschrift „Nicht für Juden“ tauchten auf. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 250.000 Juden aus Deutschland geflohen. Doch das genügte dem NS-Regime nicht. Man erhöhte den Druck, um auch die übrigen 250.000 Juden zur Emigration zu zwingen. Die Situation schien günstig. Hitler befand sich seit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Aufgrund der außenpolitischen Erfolge und der sozialen Wohltaten war seine Anhängerschaft von Jahr zu Jahr gestiegen – auch unter ehemaligen Sozialdemokraten und Kommunisten. Andererseits waren viele frühere Mitglieder von SPD und KPD weiterhin in Konzentrationslagern inhaftiert.  

Anschluss Österreichs 1938

Im März 1938 war der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erfolgt. Hitler hatte den österreichichen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der lange auf Mussolinis Unterstützung vertraut hatte, die Zustimmung abgepresst. Schuschnigg hatte einen faschistischen Ständestaat errichtet, den er diktatorisch regierte. Deutsche Truppen marschierten am 12. März 1938 in Österreich ein – unter dem Jubel der österreichischen Bevölkerung.  Für den 10. April 1938 war sowohl in Österreich als auch in Deutschland eine Volksabstimmung über den Anschluss geplant. In Österreich riefen zahlreiche Prominente dazu auf, mit „JA“ zu stimmen. Darunter befanden sich bspw. der Wiener Kardinal Theodor Innitzer und der Präsident des evangelischen Oberkirchenrates, Robert Kauer – aber auch viele Künstler. Das Ergebnis erschien wie bestellt: 99% der Menschen – in Österreich wie auch in Deutschland – hatten mit „JA“ gestimmt. War das Ergebnis glaubwürdig?

Die damalige SPD-Führung im Prager Exil bezweifelte die hohe Zustimmungsquote, ging jedoch davon aus, dass auch in einer freien Abstimmung etwa 80 % für den „Anschluss“ gestimmt hätten – was aber nicht als Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu werten sei.

Wichtigster Befürworter des Anschlusses war der Sozialdemokrat Karl Renner. Er hatte sich schon als Staatskanzler der Republik Österreich und als Präsident des österreichischen Nationalrats für die Vereinigung mit Deutschland ausgesprochen. Als die Austrofaschisten 1934 an die Macht kamen,  setzten sie Renner ab – und steckten sie ihre Gegner in die Gefängnisse: Kommunisten, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten waren gemeinsam betroffen. Manche Häftlinge schlossen – über ideologische Grenzen hinweg – während der Haft miteinander Freundschaft. Das hatten viele der Betroffenen 1945 nicht vergessen und erklärt die besondere politische Kultur in Österreich nach 1945. Karl Renner wurde nach dem Krieg Staatskanzler der Provisorischen Regierung Österreichs.

Waren diese vielen Unterstützer des Anschlusses nicht über die Situation in Deutschland informiert? Hatten sie nicht von den Maßnahmen gegen Juden gehört? Auch Österreich war keine Demokratie und auch in Österreich gab es Antisemitismus. Aber den vom Staat organisierten Repressionsdruck auf jüdische Bürger gab es in Österreich noch nicht.

Anscheinend war die Diskriminierung der Juden für die meisten Österreicher kein Thema. Der Mehrheit der Bevölkerung war es wichtiger, mit den anderen Deutschen in einem Staat vereint zu sein, denn die Österreicher verstanden sich überwiegend als Deutsche. In ihren Augen war Österreich ein Teil Deutschlands. Die österreichische Nationalversammlung hatte schon zweimal – 1918 und 1919 – die Vereinigung mit Deutschland beschlossen. In Artikel 2 des „Gesetzes über die Staats- und Regierungsform“ hieß es: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik“. Doch die Siegermächte lehnten die Vereinigung ab. Aus Protest hielt man zur Zeit der Weimarer Republik im deutschen „Reichsrat“, also der Vertretung der deutschen Länder (heute „Bundesrat“), für das Land Östereich symbolisch einen Platz frei.

Die überwältigende Zustimmung zum Anschluss bedeutete für die NS-Machthaber einen erheblichen Imagegewinn. Sie sahen das als Vertrauensbeweis der Bevölkerung an. Das war nicht unberechtigt. Nicht wenige von denen, die dem Nationalsozialismus bisher ablehnend gegenüberstanden, korrigierten in diesen Tagen ihre Haltung. Sie waren davon beeindruckt, wie geschickt Hitler mit diplomatischen Mitteln – ohne Einsatz militärischer Gewalt – den Versailler Vertrag außer Kraft gesetzt hatte. Viele hielten ihn für einen großen Diplomaten. Manche sogar für ein Geschenk des Himmels. Die Verehrung seiner Person hatte längst religiöse Züge angenommen – und wurde noch weiter sakralisiert.

„Madagaskar-Plan“

Im Jahr 1933 lebten in Deutschland rund 500.000 Juden, davon 144.000 allein in Berlin. Bis 1941 waren rund 350.000 von ihnen emigriert, davon 250.000 bis 1938. Das Vermögen wurde ihnen im Wege der „Reichsfluchtsteuer“ weitgehend geraubt. Ein Teil der Juden wanderte nach Palästina aus. Das NS-Regime hatte mit zionistischen Organisationen frühzeitig entsprechende Abkommen geschlossen. Nachdem die englische Kolonialmacht die Zahl der Zuwanderer begrenzte, schlug der deutsche Sicherheitsdienst (SD) die Länder Ecuador, Kolumbien und Venezuela als Zielorte vor. Die Vertreibung sollte weitergehen.

Im Juli 1938 fand auf Initiative des US-Präsidenten Rossevelt die Konferenz von Évian statt, auf der Vertreter von 32 Nationen und 24 Hilfsorganisationen eine Lösung für die steigende Zahl jüdischer Flüchtlinge suchten. Die Konferenz endete erfolglos. Die NS-Presse höhnte: niemand auf der Welt wolle die Juden haben. Das NS-Regime zog daraus Konsequenzen. Nach der Besetzung Polens präsentierte man den „Madagaskar-Plan“. Außenminister von Ribbentrop informierte im Dezember 1939 Papst Pius XII. darüber. Im Jahr 1940 wurde die Planung voran getrieben. Währenddessen wurde im Westen Krieg geführt – und Frankreich innerhalb von sechs Wochen militärisch besiegt. Am 17. August 1940 notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch über ein Gespräch mit Hitler: „Die Juden wollen wir später nach Madagaskar verfrachten. Dort können sie ihren eigenen Staat aufbauen.“

Auch die 3,3 Mio. polnischen Juden, die sich inzwischen im Machtbereich des Deutschen Reiches befanden, sollten nach Madagaskar umgesiedelt werden. Die Gutachter des NS-Regimes hielten einen Zuzug von bis zu 6,5 Mio. jüdischen Siedlern nach Madagaskar für denkbar. Nach Recherchen des Historikers Magnus Brechtken hätte das wohl nur ein Teil der Deportierten überlebt: „Wer diesen Plan zu Ende dachte … musste zu dem Urteil kommen, dass eine Deportation nach Madagaskar in dieser Form einem Todesurteil gleichkam…“ (Magnus Brechtken: „Madagaskar für die Juden.“ München 1997, S. 251).

Zweiter Weltkrieg und Holocaust

Heute wissen wir, dass die endgültige Entscheidung zum Holocaust nach dem Angriff auf die Sowjetunion fiel. Am 20. Januar 1942 fand in Berlin die sogenannte „Wannsee-Konferenz“ statt. Die Beschlüsse wurden im Protokoll begrifflich verharmlost. Das war ein Teil der vereinbarten Geheimhaltung. Die industrielle Ermordung der europäischen Juden und anderer Minderheiten sollte in aller Ruhe vonstatten gehen.

Das Mordprogramm der NS-Machthaben betraf neben Juden auch die Sinti, die seit fast 600 Jahren im deutschsprachigen Raum lebten – und seit dem Kaiserreich die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Von den rund 22.600 Sinti, die in Auschwitz in Baracken untergebracht waren, starben 13.600 durch Mangelernährung, Krankheiten, Seuchen oder medizinische Versuche. Etwa 5.600 wurden in den Gaskammern ermordet. Nach der nationalsozialistischen „Rassenlehre“ hätten die Sinti als „Arier“ anerkannt sein müssen. Doch das schützte sie nicht vor dem Vernichtungswillen der Täter. In deren Augen handelte es sich um „Arbeitsscheue“ (siehe dazu: Gertrud Wehl, „Mutter der Sinti“).

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Massenmord an den Juden bereits begonnen. Nach dem Angriff auf Polen wurden bis Ende 1939 rund 7.000 polnische Juden und 60.000 Polen von Angehörigen der SS, des SD und der Wehrmacht ermordet. Sprachen die Täter darüber? Was dachten sich diejenigen, die von den Erschießungen erfuhren? Hielten sie das für „normale“ Kriegsverbrechen, die überall auf allen Seiten vorkommen? Hätten sie aus den Massenerschießungen auf die späteren Vernichtungslager schließen können, in denen Menschen fabrikmäßig ermordet wurden?

In den Radioprogrammen der „Feindsender“ wurde darüber nur wenig berichtet. Eine Ausnahme war die BBC-Sendung vom 27. September 1942. In dieser Sendung schilderte der deutsche Schriftsteller Thomas Mann ausführlich die Situation im besetzten Polen. Er sprach von Gaswagen und Massenerschießungen. Aber wie glaubhaft klang das für die deutschen Hörer? Nach den übrigen Reden, die die BBC ausstrahlte, entsteht der Eindruck, als seien andere Themen wichtiger gewesen: in diesen Sendungen geht es Thomas Mann in erster Linie darum, den deutschen Eroberungskrieg zu verurteilen und die Bombardierung deutscher Städte immer wieder neu als „Vergeltungsaktion“ zu rechtfertigen. Das klang für die Opfer der Bombardierungen zynisch. Vor diesem Hintergrund dürften die Ansprachen von Thomas Mann die beabsichtigte Wirkung weitgehend verfehlt haben – sofern sie überhaupt in Deutschland gehört werden konnten. Inge Jens, die Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, sagte dazu:

„Es ist alles unbestritten, was er sagt, nur die Art und Weise, in der er es uns, den Deutschen, nahezubringen sucht, halte ich über weite Strecken einfach für obsolet … Ich glaube, dass dieses eine Ansprache für Gleichgesinnte war.“

Helmuth James Graf von Moltke

Auch in der Zeit des „Dritten Reichs“ – wie zu allen Zeiten – gab es Menschen, die nicht mitbekommen, was um sie herum geschieht. Die anderen, die die Entwicklung in der Gesellschaft kritisch verfolgen, sind meistens in der Minderheit. Aber selbst ihnen wäre das, was wir heute über die NS-Verbrechen wissen, damals sicherlich undenkbar erschienen. Das vergessen wir leicht, wenn wir über die NS-Zeit sprechen.

Die meisten Deutschen ahnten anscheinend nichts von den Massenverbrechen. Deshalb war der Massenmord auch für die Frauen und Männer des Kreisauer Kreises um Helmuth James Graf von Moltke und seiner Frau Freya lange Zeit kein Thema. Als sie schließlich davon erfuhren, konnten sie sich das Ausmaß der Verbrechen nicht vorstellen. Erste Informationen erhielt Helmuth James Graf von Moltke von seinem Schwager Hans Deichmann, der als Führungskraft der IG Farben die Baustellen in Auschwitz besuchte. Am 25. März 1943 – das Konzentrationslager war längst im Betrieb – schrieb Moltke an seinen englischen Freund Lionel Curtis:

„Wir haben vom Bau eines großen Konzentrationslagers in Oberschlesien gehört, das für 40 – 50.000 Personen angelegt ist, von denen monatlich 3 – 4.000 getötet werden sollen. Ich selbst bekomme alle Informationen nur in vager, undeutlicher und ungenauer Form, obwohl ich mich ja bemühe, so etwas herauszufinden.“ (Briefe, Band I, Seite 275).

In dem Brief beklagt Moltke, wie wenig die Deutschen wüssten. Man könne sich aufgrund der Nachrichtensperre nicht auf „Gerüchte oder Flüsterkampagnen“ verlassen. Die Armee werde von den Vorgängen in der Heimat abgeschirmt. Die Soldaten erhielten nur dürftige Informationen. Die meisten wüssten nichts von den Massenmorden. Keiner kenne die Zahl der Konzentrationslager. Er rechne mit 150.000 bis 350.000 Insassen (zitiert nach: Helmuth James Moltke 1907-1945. Eine Biographie, München 2007, Autor: Günter Brakelmann).

Stauffenberg und das NS-Klischee

Heute wehren sich manche von uns gegen die Vorstellung, dass sich unter den Anhängern der NS-Bewegung auch Menschen befanden, die überzeugt waren, einer gerechten und moralischen Sache zu dienen. Angesichts der Morde und Drangsalierungen erscheint es keinen Gedanken wert, dass es auch Nationalsozialisten gab, die von den antijüdischen Hetzparolen und Karikaturen, die Julius Streicher im „Stürmer“ veröffentlichte, angewidert waren. Wer das nicht wahrhaben will, kann die NS-Zeit kaum verstehen. Denn ohne die vielen Gutgläubigen (meine Eltern zähle ich dazu) wäre das NS-System wohl schon viel früher zusammengebrochen. Das Mordprogramm setzte die Ahnungslosigkeit der großen Mehrheit voraus. Man kann nicht ein ganzes Volk für Mord und Totschlag begeistern. 

Dass selbst Menschen mit „innerem Kompass“ sich von der NS-Ideologie blenden ließen – und erst spät den wahren Charakter des NS-Systems erkannten – sieht man am Beispiel der Geschwister Scholl (Weiße Rose) und des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Geschwister Scholl waren begeistert, als Hitler 1933 an die Macht kam. Als sie von der Erschießung der Juden erfuhren, waren sie entsetzt – und wurden zu Gegnern des NS-Systems. Von den Gaskammern in Auschwitz und anderswo ahnten sie noch nichts. Das gleiche gilt für Stauffenberg. Er war erschüttert, als ihm Henning von Tresckow von den Erschießungen berichtete, die er kurz zuvor beobachtet hatte. Das festigte Stauffenbergs Entschluss, das Attentat gegen Hitler zu wagen. Er schrieb:

„Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“

Das Urteil der Nachwelt über seine Person sah Stauffenberg klar voraus. Tatsächlich blieb er bis über die 1960er Jahre hinaus für weite Teile der Bevölkerung ein „Feigling“ und „Verräter“. Auch heute weigern sich viele Menschen, Stauffenbergs Handeln und seine Motive anzuerkennen. Der Patriot Stauffenberg ist ihnen suspekt. Für Zwischentöne ist in ihrem Geschichtsverständnis kein Raum. Wie können sie dann etwas verstehen?

Kriegsende und Familiengründung

Mein Vater wollte schon als Schüler Arzt werden. Er hasste den Beruf des Kaufmanns, den sein Vater ausübte. Mein Großvater war Inhaber einer Baustoffhandlung, in der mein Vater und seine Geschwister gelegentlich mithelfen mussten. Es schien so, als würde sich der Berufswunsch meines Vaters erfüllen. Während des Krieges wurde er wiederholt für das Medizinstudium freigestellt. Nach dem Krieg wollte er weiterstudieren. Doch dazu kam es nicht. Die englische Besatzungsmacht verbot ehemaligen HJ-Führern das Studium an einer Universität. Mein Vater als ehemaliger „Gefolgschaftsführer“ fiel unter das Verbot. 

Notgedrungen erlernte mein Vater den Beruf, den er immer abgelehnt hatte. Er wurde Kaufmann. Dass das Verbot der Besatzungsmacht nur von kurzer Dauer war, ahnte er nicht. Als das Verbot aufgehoben wurde, war es für das Medizinstudium zu spät. Mein Vater hatte inzwischen für eine Familie zu sorgen: 1948 war ihr erstes Kind, mein Bruder Burkhard, zur Welt gekommen – und die materielle Not der Familie Wehl war groß.

Die Bevölkerungszahl der Stadt, in der meine Eltern nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft gestrandet waren, war durch Flüchtlinge bzw. Vertriebene um über 40% gestiegen. Meinen Eltern war ein einzelnes Zimmer zugewiesen worden, das sie sich mit meinen Großeltern Paul und Martha Wehl teilen mussten. Zeitweise hielt sich auch eine Tante (Ida Schwatlo, geb. Raygrotzki) mit ihrer erwachsenen Tochter Brigitte, die geistig behindert und deshalb pflegebedürftig war, dort auf. Mein Bruder muss das als Säugling instinktiv erfasst haben. Angeblich soll er so gut wie nie geschrien haben.

Umgang mit der Geschichte

Der Soziologe Arno Klönne wies schon vor Jahren auf das „kritische Potential“ hin, dass es innerhalb der Hitlerjugend (HJ) gegeben habe. So hätte bspw. der im September 1942 von der HJ durchgeführte „Europäische Jugendkongress“, an dem Abgesandte aus 18 Ländern teilnahmen, überhaupt nicht dem Geschmack der NSDAP-Führung entsprochen. Und im April 1943 habe das zentrale „Führerorgan“ der Hitlerjugend, die Zeitschrift „Wille und Macht“, verkündet: „Wir wollen keine Rasseideologen dulden, die da hergehen und die Völker nach rassischen Merkmalen klassifizieren.

Wie vertrug sich eine solche Aussage mit der mörderischen Realität, in der man sich mit der „Klassifizierung“ längst nicht mehr begnügte? Das Zitat aus dem „Führerorgan“ der HJ sagt viel über das Selbstverständnis mancher HJ-Führer und deren Verblendung aus, die sie hinderte, die Realität zu erkennen. Das gilt auch für meine Eltern. Mein Vater verteidigte noch nach Kriegsende trotzig seinen „Führer“. Die Nachrichten aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern hielt er eine Zeitlang für Propaganda der Siegermächte. Umso verstörter war er, als er sich schließlich die Wahrheit eingestehen musste.

Die politische Kurskorrektur unserer Eltern änderte nichts daran, dass die „Wendehälse“, die bis zum Schluss „Heil“ geschrien hatten und später behaupteten, immer „dagegen“ gewesen zu sein, sie zeitlebens anwiderten. Unsere Eltern waren keine „Wendehälse“. Sie gaben zu, begeistert „dabei“ gewesen zu sein. Dass sie es bereuten, Hitler gefolgt zu sein, mussten sie uns gegenüber nicht betonen.

Nach dem Krieg fanden meine Eltern zum christlichen Glauben zurück – und entdeckten ihre Liebe zu Israel. Regelmäßig reisten sie in das „Heilige Land“ und spendeten dafür. Mein Bruder Burkhard arbeitete kurzzeitig in einem Kibbuz mit – und meine Schwester Marianne reiste mehrere Male nach Israel, um einen konservativen jüdischen Politiker im Wahlkampf zu unterstützen. Ich hatte Mühe, ihr Engagement nachzuvollziehen.

Moralischer Bankrott

Mein Vater war nur kurz – während des „Polen-Feldzuges“ – als Soldat an der Ostfront. Der Krieg im Osten unterschied sich deutlich vom Krieg im Westen. Aber auch das bedeutet noch lange nicht, dass er von den Verbrechen, die die Einsatzgruppen hinter der Front verübten, als Soldat etwas erfahren hätte. Was er nach dem Krieg  über die NS-Verbrechen erfuhr, passte nicht zu dem, was er im Krieg erlebt hatte. Und es passte nicht mit dem zusammen, woran er politisch geglaubt hatte. Wenn uns das unfassbar erscheint, dann wohl auch deshalb, weil wir heute mehr wissen.

Die Angehörigen der „Erlebnisgeneration“ mussten mit diesem Widerspruch leben. Sie fühlten sich selbst als „Betrogene“ und wollten sich nicht auch noch rechtfertigen müssen. Ich erinnere mich, wie zornig mein Vater reagierte, als im Fernsehen über einen NS-Prozess berichtet wurde. Er meinete, die Täter hätten die politische Idee verraten, der er gefolgt war. Fast schien es so, als wollte er den Nationalsozialismus rein waschen – und die Schuld auf die Angeklagten schieben. Dass die rassistische NS-Ideologie selbst verbrecherisch war, hatte er für kurze Zeit ausgeblendet. In solchen Momenten konnte man die Verzweiflung ahnen, die er kurz nach Kriegsende empfunden hatte.  

Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht vom 8. Mai 1945 ertrug mein Vater zunächst mit bitterem Stolz. Für ihn war Deutschland ein kleines Land, das über viele Jahre der halben Welt tapfer getrotzt hatte. Doch die Leichenberge in Auschwitz, Bergen-Belsen und anderswo verwandelten die militärische Niederlage in einen persönlichen moralischen Bankrott. Damit kam mein Vater lange nicht zurecht. Unserer Mutter ging es nicht viel anders. Aber das gilt wohl für viele der damaligen Deutschen. 

Was wir heute wissen, wussten damals nur wenige. Die meisten Deutschen hätten sich  einen staatlich betriebenen Massenmord nie vorstellen können. Entsprechende Gerüchte taten sie als Feindpropaganda ab.  Alles andere hätte die Kriegsmoral untergraben: Man kann nicht ein ganzes Volk für Mord und Totschlag begeistern.  

Mein Vater 1983 in Griechenland mit dem Akkordeon, auf dem er schon während des Krieges als Soldat gespielt hatte.