Familie und NS-Zeit

Je länger die NS-Zeit zurückliegt, umso schwerer fällt es, die Zeit zu verstehen. Das Ausmaß der Verbrechen verleitet zu Pauschalurteilen, die dem Einzelnen oft nicht gerecht werden. Das gilt für die Erwachsenen und erst recht für diejenigen, die zu Beginn des „Dritten Reichs“ noch Kinder oder Jugendliche waren. Das Beispiel meiner Eltern, die begeistert „mitgemacht“ hatten, zeigt mir, wie problematisch Pauschalurteile sein können. Vieles versteht man erst im historischen Kontext. Das habe ich versucht zu berücksichtigen.

Meine Eltern lernten sich bei Kriegsende in der Gefangenschaft kennen. Ihre Heimat hatten sie verloren. Sie wurden 1918, also noch im Kaiserreich, geboren. Den polnischen Staat gab es zu der Zeit nicht. Mein Vater, Johannes Wehl, kam in Thorn (damals Westpreußen) zur Welt und wuchs in Stolp (Pommern) auf. Die Familien seiner Eltern (Paul Wehl und Martha Wehl, geb. Raygrotzki) lebten seit Generationen in Sensburg (Ostpreußen). In den Ferien besuchte er die Verwandten in Ostpreußen oder in Berlin. Meine Mutter, Elisabeth Wehl, geb. Thiem, stammte aus dem kleinen Dorf Kuschten (Grenzmark Posen, Kreis Meseritz).

Mein Vater und meine Mutter waren 14 Jahre alt, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Ihre Jugend im „Dritten Reich“ – vor allem die Zeit in Hitlerjugend (HJ) bzw. Bund Deutscher Mädel (BDM) und später im Reichs-Arbeitsdienst (RAD) schilderten sie uns Kindern in hellen Farben. War das ein Ausweis von NS-Nostalgie?

Meiner Mutter erschien der BDM als eine Oase persönlicher Freiheit. Das ist leichter zu verstehen, wenn man die gesellschaftlichen Konventionen bzw. sozialen Schranken berücksichtigt, denen junge Frauen früher ausgesetzt waren. Der BDM bot anscheinend einen Freiraum, der das Gefühl von Selbstbestimmung verlieh. Das galt vor allem für das Leben in der “Provinz“. Wie passte eine solche emanzipatorische Wahrnehmung mit der totalitären NS-Ideologie zusammen?

Mein Vater als Hitlerjunge

Die Weltwirtschaftskrise hatte auch die Familie Wehl getroffen. Mein Großvater musste sein Geschäft schließen. Später gründete er eine Baustoffhandlung, die in den 1930er Jahren florierte. Der Versailler Vertrag empörte die Familie. Das prägte auch meinen Vater. Er gehörte zunächst der bündischen Jugend an. 1932 trat er der Hitlerjugend (HJ) bei. Das verheimlichte er zunächst, weil er wusste, dass seine Eltern dagegen waren.

Aus dem Jahr 1937 gibt es Aufnahmen, die meinen Vater gemeinsam mit Adolf Hitler auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden zeigen. Die Aufnahmen entstanden am 20. Juli 1937 an der Straße, die zum Berghof Hitlers führte. Auf dem ersten Foto steht mein Vater – in großem Abstand – Hitler gegenüber. Er meldet die Anzahl der Jungen, die angetreten sind. Auf dem zweiten Foto reicht Hitler meinem Vater die Hand. Auf der Rückseite ist vermerkt, dass Hitler dem Adjutanten Schaub die Anweisung gibt, meinem Vater 400 Mark für die Verpflegung der Jungen auszuzahlen. Mein Vater war damals 18 Jahre alt und „beseelt“ von seinem „Führer“. Als Gefolgschaftsführer war er für rund 250 Jungen verantwortlich. 

Mein Vater als Soldat

Vater in Afrika-Uniform

Nach dem Abitur leistete mein Vater den Arbeitsdienst und danach bei der Luftwaffe („Regiment General Göring“) den Wehrdienst ab. Ende August 1939 war er mit seinen Kameraden in Berlin-Wannsee stationiert – auf dem Gelände des heutigen Hahn-Meitner-Instituts. Am 1. September 1939 wollte er seinen 21. Geburtstag feiern. Doch den Kuchen, den er beim Bäcker in Wannsee bestellt hatte, konnte er nicht mehr abholen.

Einen Tag vor dem Geburtstag hieß es „Abmarsch“ Richtung Osten: am darauffolgenden Tag, den 1. September 1939, begann der Angriff auf Polen. 50 Jahre später suchte mein Vater den Bäcker noch einmal auf – gemeinsam mit mir. Den Bäckereibetrieb gab es noch. Wir aßen Kuchen – und mein Vater sprach über das Jahr 1939.

Der junge Soldat Johannes Wehl hielt den Krieg gegen Polen für einen Akt der Verteidigung. Dafür hatte allein schon die NS-Propaganda gesorgt. Unabhängig davon gab es aber auch eine allgemeine antipolnische Stimmung, die durch das laute Säbelrasseln mancher Polen zusätzlich angeheizt wurde. Hinzu kamen die persönlichen Erlebnisse meines Vaters bei seinen Reisen zu der Verwandtschaft in Ostpreußen. Die Reisen führten durch den polnischen „Korridor“. Das Verhalten der polnischen Beamten empfand er häufig als Schikane. Diesen Vorwurf konnte man damals anscheinend häufiger hören. 

Wenn mein Vater uns von der Kriegszeit und von seiner Zeit als Besatzungssoldat in den Niederlanden und in Frankreich erzählte, klang das entspannt. Dazu passte die Begegnung mit Familien, bei denen unser Vater während des Krieges als Besatzungssoldat einquartiert gewesen war. Zu ihnen gehörte die Familie Smeijer in Zwolle (Niederlande). Mit der Familie waren wir eng befreundet. In den Schulferien waren wir bei ihnen zu Gast – und im Jahr darauf sie bei uns. Das war so kurz nach Kriegsende alles andere als selbstverständlich.

In den Erzählungen meines Vaters kam die Deportation der jüdischen Bevölkerung nicht vor. Ich gehe davon aus, dass er das nie erlebt hat. Mein Vater betonte das vorbildliche Verhalten der damaligen Soldaten und wies auf die strengen militärischen Vorschriften hin, die für den Umgang mit der Zivilbevölkerung galten. Es waren Regeln des Anstands und des Respekts. Wer dagegen verstieß, schädigte das „deutsche Ansehen“ und hatte mit harter Bestrafung zu rechnen. Die Welt der Vorschriften stand im Widerspruch zu den Verbrechen, die insbesondere gegen Ende des Krieges als Vergeltungsrepressalien (z.B. Oradour 1944) verübt wurden. Das war nicht mehr die „saubere“ Besatzungswelt, in der  das „deutsche Ansehen“ etwas galt.

Meine Mutter als „braune Schwester“

Mutter als Schwester der NSV

Meine Mutter besaß schon als junges Mädchen eine kesse Zunge. Dennoch – oder deshalb – war sie sehr beliebt. Sie war nicht so religiös aufgewachsen wie mein Vater. Das erklärt vielleicht, warum sie auch in politischen Fragen weniger „gläubig“ war als er. Doch auch sie war vom Nationalsozialismus überzeugt. Nach dem Arbeitsdienst wurde sie im Evangelischen Elisabeth-Krankenhaus in Berlin-Schöneberg zur Krankenschwester ausgebildet.

Nach Abschluss der Ausbildung schloss sich meine Mutter der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) an. Aufgrund der braunen  Schwesterntracht sprach man auch von „braunen Schwestern“. Sie sollten die Gemeindeschwestern der Diakonie bzw. Caritas verdrängen. Das wurde im besetzten Polen konsequent umgesetzt. Die Oberin der NSV-Schwesternschaft, der meine Mutter angehörte, verfügte über eine lange Erfahrung. Sie hatte zuvor eine Schwesternschaft der Diakonie geleitet.

Meine Mutter wurde zunächst als NSV-Schwester im „Warthegau“ eingesetzt. Gegen Ende des Krieges und in der Zeit der Kriegsgefangenschaft war sie im Lazarettdienst tätig. Dort lernte sie meinen Vater kennen. Er hatte das Medizin-Studium noch nicht abgeschlossen und wurde deshalb in der Gefangenschaft als Sanitäter eingesetzt.

Aus ihren Erzählungen weiß ich, dass sie ihren Dienst als NSV-Schwester im „Warthegau“ gern ausgeübt hat. Mit dem Motorroller fuhr sie über die Dörfer, besuchte Familien – und freute sich über den abwechslungsreichen Dienst. Das war mitten im Krieg in einem besetzten Land, dessen polnische Bevölkerung unter der Besatzung litt. Da das Gebiet bis 1918 zum Deutschen Reich gehört hatte, lebten noch viele Deutsche hier. Die polnischen Einwohner waren „eingedeutscht“ oder vertrieben, die Juden unter ihnen deportiert worden. In dem Gebiet wurden Familien aus den Baltischen Staaten, die in Folge des Hitler-Stalin-Paktes ihre Heimat verloren hatten, in großer Zahl neu angesiedelt. Einige von ihnen übernahmen die verlassenen Höfe der Polen. Für die anderen standen die Neubausiedlungen bereit, die in kurzer Zeit errichtet worden waren. Hätte meine Mutter fröhlich ihren Dienst verrichten können, wenn sie den Zusammenhang gekannt hätte? 

Meine Mutter hatte im „Warthegau“ die Aufgabe, den Familien eine gesunde Lebens- und Ernährungsweise nahezubringen. Dazu gehörten auch neue Arten der Essenszubereitung im Rahmen der von Werner Kollath entwickelten Grundsätze zur  „Vollwertkost“. Kollath war Bakteriologe und Hygieniker, der aich auch zu Fragen der „Rassenhygiene“ äußerte. Während NSV-Schwestern wie meine Mutter die Aufgabe hatten, Familien zu unterstützen und Leben zu fördern, wurde an anderen Orten Leben systematisch vernichtet.

„Wenn das der Führer wüsste…“

Wie die Eltern meiner Mutter, Fritz und Margarethe Thiem, geb. Koch, über das NS-Regime dachten, weiß ich nicht. Fritz Thiem war Polizist und starb in russischer Gefangenschaft. Über die anderen Großeltern, Paul und Martha Wehl, geb. Raygrotzki, weiß ich allerdings, dass sie die NS-Bewegung ablehnten. Sie waren sogenannte „entschiedene Christen“ und gehörten innerhalb der Evangelischen Kirche dem pietistischen Gemeinschaftsverband an. Die sogenannten „Deutschen Christen“, die sich der NS-Bewegung anbiederten, waren meinen Großeltern ein Gräuel.

Meine Großeltern lehnten zwar die NS-Bewegung, nicht aber Adolf Hitler ab. Das Gedicht, das Hitler während der Landsberger Haft in Erinnerung an seine Mutter verfasst hatte, hing ab Mitte der 1930er Jahre als Wandschmuck – eingerahmt – in der Wohnung meiner Großeltern. Sie vertrauten dem „Führer und Reichskanzler“.

Der Satz: „Wenn das der Führer wüsste“ klingt heute in unseren Ohren wie ein schlechter Scherz. Damals meinte man das ernst. Es entsprach dem bekannten Muster, das man auch aus anderen Zeiten kennt: absolute Herrscher genießen oft ein erstaunlich großes Vertrauen. Das war beim sowjetischen Diktator Josef Stalin nicht anders. Manche Opfer der Moskauer Schauprozesse in den 1930er Jahren sollen noch bei ihrer Hinrichtung davon überzeugt gewesen sein, dass Stalin von alldem nichts ahnte.

Jugendfreundinnen meiner Mutter

Meine Mutter war mit einer jüdischen Mitschülerin befreundet. Die Mitgliedschaft im BDM änderte daran nichts. Nach der Schulzeit bzw. mit Beginn des Krieges verloren sich die beiden aus den Augen. Mir ist nicht bekannt, unter welchen Bedingungen die Freundin überlebte – und ob Angehörige der Familie Leiser im Holocaust umkamen.

Nach dem Krieg lebte die Schulfreundin in der DDR. Sie engagierte sich in der SED. Die beiden Frauen hatten 50 Jahre lang keinen Kontakt. Erst nach dem Fall der Mauer sahen sich die beiden wieder. Die Begegnung fand in meiner Wohnung in Berlin statt. Die Frauen hatten sich unendlich viel zu erzählen. Doch über die Zeit des Zweiten Weltkriegs verloren sie kein Wort. Schwieg die Schulfreundin aus Taktgefühl? Schwieg meine Mutter aus Scham? Heute wundere ich mich darüber – und auch über mich selbst. Ich wagte damals nicht zu fragen. Nach dem Tod meiner Mutter bemühte ich mich, den Kontakt wieder aufzunehmen, doch da war es zu spät. Die Schulfreundin lebte nicht mehr – und ihren einzigen Sohn konnte ich nicht ausfindig machen.

Zu einer anderen Jugendfreundin meiner Mutter und deren Familie bestand lebenslang ein enger Kontakt. Ich habe diese Frau als hart und wenig freundlich in Erinnerung. Sie hatte eine Tochter, die ebenso wie meine Schwester nach dem Krieg geboren wurde. Aber die Tochter war nicht das erste Kind. Die älteren Kinder hatte die Frau bei Kriegsende getötet – aus Furcht vor Übergriffen durch sowjetische Soldaten. Das erfuhr ich viele Jahre später.

Fragen an die „Erlebnis-Generation“

Was wussten die Deutschen damals vom Holocaust? Die Frage stellten sich auch meine Geschwister und ich. Unsere Eltern sagten, sie hätten nichts davon geahnt. Auch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt behauptete, keine Kenntnis gehabt zu haben.

Über diese Frage ist viel geforscht worden. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler (1931 – 1914), dessen fünfbändiges Werk „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ als Standardwerk zur jüngeren deutschen Geschichte gilt, ging davon aus, dass nur wenige hunderttausend Personen von den Massenmorden gewusst haben. Das ist angesichts der 18,2 Mio. Soldaten, die insgesamt in Wehrmacht und Waffen-SS dienten, eine vergleichsweise niedrige Zahl. Insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass sich unter denen, die etwas wussten, auch zahlreiche Zivilisten befanden. Wehler begründete die geringe Zahl mit der strengen Geheimhaltung – und den harten Strafen, die bei einem Verstoß drohten.

Aber was ist mit denen, die zwar nichts vom Holocaust wussten, aber als Nachbarn, Kollegen oder Freunde die Schikane und Entrechtung der Juden vorher miterlebt hatten?  Warum hatten die meisten dazu schwiegen? War das Schweigen nicht als Billigung der späteren Morde zu werten? Waren diese Deutschen empathielose Ungeheuer?

Alltag in Deutschland 1933 – 1938

Heute glauben viele Menschen, der Alltag im „Dritten Reich“ sei von Verfolgung und Diskriminierung geprägt gewesen. Aus der Perspektive der Opfer trifft das natürlich zu. Doch trotz ihrer großen Zahl war nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von den Verfolgungsmaßnahmen direkt betroffen. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen war davon nicht berührt – und bekam kaum etwas davon mit. Viele Historiker sind sich einig, dass das Leben der meisten Deutschen erschreckend „normal“ verlief. Man genoss den wirtschaftlichen Aufschwung, die sozialen Verbesserungen – und vielleicht sogar die Wertschätzung, die das neue Deutschland auch in Teilen des demokratischen Auslands erfuhr. Es gab eine Aufbruchstimmung, die manchen, der das Unrecht sah, mit den neuen Machthaber versöhnte: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ und „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Ausreden gab es genug.

Für die Mehrheit der Bürger war der Antisemitismus im Alltag nur wenig sichtbar. Manche Deutsche nahmen ihn nicht einmal ernst. Der Religions- und Geisteswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps ist dafür ein tragisches Beispiel. Sein Vater kam in Theresienstadt um, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet. Schoeps vertrat 1933 die Auffassung, dass der Antisemitismus bald überwunden sei. Er sympathisierte mit dem Nationalsozialismus und wollte sogar die deutschen Juden dafür gewinnen. Er selbst war auch Jude. Als er den Lehrstuhl verlor und aus dem Hochschuldienst entlassen wurde, glaubte er an einen Irrtum. Sein Vertrauen in das Deutschland der Dichter und Denker schien grenzenlos zu sein. Heute schüttelt man vielleicht den Kopf. Dabei kann uns gerade sein Beispiel helfen, die Zeit des Nationalsozialismus – und die Begeisterung der Menschen – zu verstehen.

Die Verhaftungswelle von 1933 richtete sich vor allem gegen politische Gegner. Im März 1933 waren 100.000 Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert. Bis zum Sommer sank ihre Zahl auf 26.000. Im Jahr 1935 waren noch 4.000 Personen inhaftiert. Die Haftzeit betrug damals im Durchschnitt einige Monate. Ab 1936 stieg die Zahl der Insassen stark an, da nun auch Angehörige anderer sozialer Gruppen in das Visier des NS-Regimes geraten waren. Dazu gehörten Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie sogenannte „Arbeitsscheue“ bzw. „Asoziale“, aber auch kriminelle Wiederholungstäter. In den folgenden drei Jahren stieg auch die Zahl der politischen Häftlinge erneut stark an. Ende 1940 befanden sich rund 53.000 Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern. Die Zahl derer, die die Haftzeit nicht überlebten, stieg sprunghaft an.

Repression und steigende Zustimmung

Trotz des starken Antisemitismus, den es in Teilen der  Gesellschaft gab, wussten die Machthaber, dass Maßnahmen gegen den jüdischen Bevölkerungsteil nicht auf allgemeine Zustimmung in der Bevölkerung stießen. Deshalb sollte die Diskriminierung der Juden schleichend und lautlos erfolgen. Wie richtig die Einschätzung war, zeigte sich Anfang 1933 bei den Boykott-Aktionen gegen jüdische Geschäftsleute – und Ende 1938. Das November-Pogrom („Reichskristallnacht“) war für die NS-Führung ein Desaster – und selbst innerhalb der NS-Bewegung umstritten. Die Deutschen reagierten überwiegend mit Abscheu. „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach erließ ein Verbot, in dem der Hitlerjugend (HJ) untersagt wurde, sich an derartigen Ausschreitungen zu beteiligen.

Dennoch ging der Terror weiter. Am 10. Novemer 1938 wurden rund 30.000 männliche Juden in Konzentrationslager eingeliefert. Man wollte sie zur Emigration pressen und nahm ihnen ihr Vermögen ab. Teilweise wurden die Verhafteten durch die Straßen geführt. Wie viele Menschen sahen das – und zogen daraus die richtigen Schlüsse? Später ging die Diskriminierung weiter: jüdischen Deutschen wurde ein zusätzlicher hebräischer Vorname verordnet, Schilder mit der Inschrift „Nicht für Juden“ tauchten auf. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 250.000 Juden aus Deutschland geflohen. Doch das genügte dem NS-Regime nicht. Man erhöhte den Druck, um auch die übrigen Juden zur Emigration zu zwingen. Die Situation schien günstig. Hitler befand sich seit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Aufgrund der außenpolitischen Erfolge und der sozialen Wohltaten war seine Anhängerschaft von Jahr zu Jahr gestiegen – auch unter ehemaligen Sozialdemokraten und Kommunisten. Andererseits waren viele frühere Mitglieder von SPD und KPD weiterhin in Konzentrationslagern inhaftiert.  

Anschluss Österreichs 1938

Im März 1938 war der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erfolgt. Hitler hatte den österreichichen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der lange auf Mussolinis Unterstützung vertraut hatte, die Zustimmung zum Anschluss abgepresst. Schuschnigg hatte einen faschistischen Ständestaat errichtet, den er diktatorisch regierte. Deutsche Truppen marschierten am 12. März 1938 in Österreich ein – unter dem Jubel der österreichischen Bevölkerung.  Für den 10. April 1938 war eine Volksabstimmung über den Anschluss angesetzt. Zahlreiche prominente Österreicher hatten aufgerufen, mit „JA“ zu stimmen. Dazu gehörten bspw. der Wiener Kardinal Theodor Innitzer und der Präsident des evangelischen Oberkirchenrates, Robert Kauer – aber auch viele Künstler.

Wichtigster Befürworter des Anschlusses war der Sozialdemokrat Karl Renner. Er hatte sich schon als Staatskanzler der Republik Österreich und als Präsident des österreichischen Nationalrats für eine Vereinigung mit Deutschland ausgesprochen. Die Austrofaschisten setzten ihn ab, als sie 1934 die Macht übernahmen. Die Gefängnisse in Österreich füllten sich mit den politischen Gegnern der Austrofaschisten: Kommunisten, Sozialdemokraten – und Nationalsozialisten. Es bildeten sich überraschende Koalitionen. Die Häftlinge schlossen – über ideologischen Grenzen hinweg – Freundschaft. Diese Erfahrung war nach 1945 nicht vergessen. Das erklärt die besondere politische Kultur in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Renner wurde 1945 Staatskanzler der Provisorischen Regierung.

Waren diese vielen Unterstützer des Anschlusses nicht über die Situation in Deutschland informiert? Hatten sie nicht von den Maßnahmen gegen Juden und von der politischen Verfolgung gehört? Andererseits war auch Österreich keine Demokratie. Hinzu kam, dass sich die Österreicher als Deutsche verstanden. Viele sehnten sich danach, mit den anderen Deutschen in einem Staat vereint zu sein. Das entsprach auch dem Selbstverständnis vieler Politiker in der Weimarer Republik. Die Siegermächte von 1918 hatten die Vereinigung zwar untersagt. Aber im „Reichsrat“, also der Vertretung der Länder (heute „Bundesrat“), war für den Vertreter „Deutsch-Östereichs“ symbolisch ein Platz frei gelassen worden.

Durch die überwältigende Zustimmung der Österreicher zum Anschluss konnte sich auch die Bevölkerung im deutschen Reich bestätigt fühlen. Das festigte die Überzeugung, dass in Deutschland alles zum besten bestellt und an bösen Gerüchten nichts dran sei.

„Madagaskar-Plan“

Im Jahr 1933 lebten in Deutschland rund 500.000 Juden, davon 144.000 allein in Berlin. 350.000 von ihnen emigrierten in der Zeit bis 1941. Das Vermögen wurde ihnen im Wege der „Reichsfluchtsteuer“ weitgehend geraubt. Ein Teil von ihnen wanderte nach Palästina aus. Das NS-Regime hatte zu diesem Zweck frühzeitig mit zionistischen Organisationen entsprechende Abkommen geschlossen. Da die englische Kolonialmacht die Zahl der Zuwanderer begrenzte, schlug der Sicherheitsdienst (SD) die Länder Ecuador, Kolumbien und Venezuela als weitere Zielorte vor. Die Vertreibung der Juden sollte weitergehen.

Im Juli 1938 fand auf Initiative des US-Präsidenten Rossevelt die Konferenz von Évian statt, auf der Vertreter von 32 Nationen und 24 Hilfsorganisationen eine Lösung für die steigende Zahl jüdischer Flüchtlinge suchten. Die Konferenz endete erfolglos. Die NS-Presse höhnte: niemand auf der Welt wolle die Juden haben. Das NS-Regime zog daraus Konsequenzen. Nach der Besetzung Polens präsentierte man den „Madagaskar-Plan“. Außenminister von Ribbentrop informierte im Dezember 1939 Papst Pius XII. darüber. Im Jahr 1940 wurde die Planung voran getrieben. Währenddessen wurde im Westen Krieg geführt – und Frankreich nach sechs Wochen besiegt. Am 17. August 1940 notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch über ein Gespräch mit Hitler: „Die Juden wollen wir später nach Madagaskar verfrachten. Dort können sie ihren eigenen Staat aufbauen.“

Auch die 3,3 Mio. polnischen Juden, die sich inzwischen im Machtbereich des Deutschen Reiches befanden, sollten nach Madagaskar umgesiedelt werden. Die Gutachter des NS-Regimes hielten einen Zuzug von bis zu 6,5 Mio. jüdischen Siedlern nach Madagaskar für denkbar. Doch nach Recherchen des Historikers Magnus Brechtken war daran nicht wirklich zu denken: „Wer diesen Plan zu Ende dachte … musste zu dem Urteil kommen, dass eine Deportation nach Madagaskar in dieser Form einem Todesurteil gleichkam…“ (Magnus Brechtken: „Madagaskar für die Juden.“ München 1997, S. 251).

Zweiter Weltkrieg und Holocaust

Heute wissen wir, dass die endgültige Entscheidung zum Holocaust nach dem Angriff auf die Sowjetunion fiel. Am 20. Januar 1942 fand in Berlin die sogenannte „Wannsee-Konferenz“ statt. Die Beschlüsse wurden im Protokoll begrifflich verharmlost. Das war ein Teil der vereinbarten Geheimhaltung. Die industrielle Ermordung der europäischen Juden und anderer Minderheiten sollte in aller Ruhe vonstatten gehen.

Das Mordprogramm der NS-Machthaben betraf neben Juden auch die Sinti, die seit fast 600 Jahren im deutschsprachigen Raum lebten – und seit dem Kaiserreich die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Von den rund 22.600 Sinti, die in Auschwitz in Baracken untergebracht waren, starben 13.600 durch Mangelernährung, Krankheiten, Seuchen oder medizinische Versuche. Etwa 5.600 wurden in den Gaskammern ermordet. Nach der nationalsozialistischen „Rassenlehre“ hätten die Sinti als „Arier“ anerkannt sein müssen. Doch das schützte sie nicht vor dem Vernichtungswillen der Täter. In deren Augen handelte es sich bei Sinti und Roma um Asoziale (siehe dazu: Gertrud Wehl, „Mutter der Sinti“).

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Massenmord an den Juden bereits begonnen. Nach dem Angriff auf Polen wurden bis Ende 1939 rund 7.000 polnische Juden und 60.000 Polen von Angehörigen der SS, des SD und der Wehrmacht ermordet. Sprachen die Täter darüber? Was dachten sich diejenigen, die von den Erschießungen erfuhren? Hielten sie das für „normale“ Kriegsverbrechen, die überall auf allen Seiten vorkommen? Oder hätten sie aus den Massenerschießungen gleich auf die späteren Vernichtungslager schließen können, in denen fabrikmäßig gemordet wurde?

In den Radioprogrammen der „Feindsender“ wurde darüber nur wenig berichtet. Eine Ausnahme war die BBC-Sendung vom 27. September 1942. In dieser Sendung schilderte der deutsche Schriftsteller Thomas Mann ausführlich die Situation im besetzten Polen. Er sprach von Gaswagen und Massenerschießungen. Aber wie glaubhaft klang das für die deutschen Hörer? In den übrigen Reden, die die BBC ausstrahlte, ging es Thomas Mann in erster Linie darum, den deutschen Eroberungskrieg zu verurteilen und die Bombardierung deutscher Städte immer wieder neu als „Vergeltung“ zu rechtfertigen. Das klang für die Opfer der Bombardierungen zynisch, so dass die Reden ihre beabsichtigte Wirkung weitgehend verfehlten – sofern sie überhaupt in Deutschland gehört wurden. Inge Jens, die Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, sagte dazu:

„Es ist alles unbestritten, was er sagt, nur die Art und Weise, in der er es uns, den Deutschen, nahezubringen sucht, halte ich über weite Strecken einfach für obsolet .. Ich glaube, dass dieses eine Ansprache für Gleichgesinnte war.“

Helmuth James Graf von Moltke

Auch in der Zeit des „Dritten Reichs“ – wie zu allen Zeiten – gab es Menschen, die nicht mitbekommen, was um sie herum geschieht. Die anderen, die die Entwicklung in der Gesellschaft kritisch verfolgen, sind meistens in der Minderheit. Aber selbst ihnen wäre das, was wir heute über die NS-Verbrechen wissen, damals sicherlich undenkbar erschienen. Das vergessen wir leicht, wenn wir über die NS-Zeit sprechen.

Die meisten Deutschen ahnten nichts von den Verbrechen. Für die Frauen und Männer des Kreisauer Kreises um Helmuth James Graf von Moltke und seiner Frau Freya war das lange Zeit kein Thema. Als sie von den Morden erfuhren, hatten sie keine Vorstellung von deren Ausmaß. Erste Informationen erhielt Moltke von seinem Schwager Hans Deichmann, der als Führungskraft der IG Farben die Baustellen in Auschwitz besuchte. Am 25. März 1943 – das Lager war längst im Betrieb – schrieb Moltke an seinen englischen Freund Lionel Curtis:

„Wir haben vom Bau eines großen Konzentrationslagers in Oberschlesien gehört, das für 40 – 50.000 Personen angelegt ist, von denen monatlich 3 – 4.000 getötet werden sollen. Ich selbst bekomme alle Informationen nur in vager, undeutlicher und ungenauer Form, obwohl ich mich ja bemühe, so etwas herauszufinden.“ (Briefe, Band I, Seite 275).

In dem Brief beklagt Moltke, wie wenig die Deutschen wüssten. Man könne sich aufgrund der Nachrichtensperre nicht auf „Gerüchte oder Flüsterkampagnen“ verlassen. Die Armee werde von den Vorgängen in der Heimat abgeschirmt. Die Soldaten erhielten nur dürftige Informationen. Die meisten wüssten nichts von den Massenmorden. Keiner kenne die Zahl der Konzentrationslager. Er rechne mit 150.000 bis 350.000 Insassen (zitiert nach: Helmuth James Moltke 1907-1945. Eine Biographie, München 2007, Autor: Günter Brakelmann).

Stauffenberg und das NS-Klischee

Heute wehren sich manche von uns gegen die Vorstellung, dass sich unter den Anhängern der NS-Bewegung auch Menschen befanden, die überzeugt waren, einer gerechten und moralischen Sache zu dienen. Angesichts der Morde und Drangsalierungen erscheint es keinen Gedanken wert, dass es auch Nationalsozialisten gab, die von den antijüdischen Hetzparolen und Karikaturen, die Julius Streicher im „Stürmer“ veröffentlichte, angewidert waren. Wer das nicht wahrhaben will, kann die NS-Zeit kaum verstehen. Denn ohne die vielen Gutgläubigen (meine Eltern zähle ich dazu) wäre das NS-System wohl schon viel früher zusammengebrochen. Das Mordprogramm setzte die Ahnungslosigkeit der großen Mehrheit voraus. Man kann nicht ein ganzes Volk für Mord und Totschlag begeistern. 

Dass selbst Menschen mit „innerem Kompass“ sich von der NS-Ideologie blenden ließen – und erst spät den wahren Charakter des NS-Systems erkannten – sieht man am Beispiel der Geschwister Scholl (Weiße Rose) und des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Geschwister Scholl waren begeistert, als Hitler 1933 an die Macht kam. Als sie von der Erschießung der Juden erfuhren, waren sie entsetzt – und wurden zu Gegnern des NS-Systems. Von den Gaskammern in Auschwitz und anderswo ahnten sie noch nichts. Das gleiche gilt für Stauffenberg. Er war erschüttert, als ihm Henning von Tresckow von Erschießungen berichtete, die er beobachtet hatte. Das festigte Stauffenbergs Entschluss, das Attentat gegen Hitler zu wagen. Er schrieb:

„Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“

Das Urteil der Nachwelt über seine Person sah Stauffenberg klar voraus. Tatsächlich blieb er bis über die 1960er Jahre hinaus für weite Teile der Bevölkerung ein „Feigling“ und „Verräter“. Auch heute weigern sich viele Menschen, Stauffenbergs Handeln und seine Motive anzuerkennen. Der Patriot Stauffenberg ist ihnen suspekt. Für Zwischentöne ist in ihrem Geschichtsverständnis kein Raum. Wie können sie dann etwas verstehen?

Kriegsende und Familiengründung

Mein Vater wollte schon als Schüler Arzt werden. Er hasste den Beruf des Kaufmanns, den sein Vater ausübte. Mein Großvater war Inhaber einer Baustoffhandlung, in der mein Vater und seine Geschwister gelegentlich mithelfen mussten. Es schien so, als würde sich der Berufswunsch meines Vaters erfüllen. Während des Krieges wurde er wiederholt für das Medizinstudium freigestellt. Nach dem Krieg wollte er weiterstudieren. Doch dazu kam es nicht. Die englische Besatzungsmacht verbot ehemaligen HJ-Führern das Studium an einer Universität. Mein Vater als ehemaliger „Gefolgschaftsführer“ fiel unter das Verbot. 

Notgedrungen erlernte mein Vater den Beruf, den er immer abgelehnt hatte. Er wurde Kaufmann. Dass das Verbot der Besatzungsmacht nur von kurzer Dauer war, ahnte er nicht. Als das Verbot aufgehoben wurde, war es für das Medizinstudium zu spät. Mein Vater hatte inzwischen für eine Familie zu sorgen: 1948 war das erste Kind, mein Bruder Burkhard, zur Welt gekommen – und die materielle Not der Familie Wehl war groß.

Die Bevölkerungszahl der Stadt, in der meine Eltern nach ihrer Entlassung aus der Gefangenschaft gestrandet waren, war durch Flüchtlinge bzw. Vertriebene um über 40% gestiegen. Meinen Eltern war ein einzelnes Zimmer zugewiesen worden, das sie sich mit meinen Großeltern Paul und Martha Wehl teilen mussten. Zeitweise hielt sich auch eine Tante (Ida Schwatlo, geb. Raygrotzki) mit ihrer erwachsenen Tochter Brigitte, die geistig behindert und deshalb pflegebedürftig war, dort auf. Mein Bruder muss das als Säugling instinktiv erfasst haben. Angeblich soll er so gut wie nie geschrien haben.

Umgang mit der Geschichte

Meinem Vater fiel es nicht leicht, sich die Verbrechen einzugestehen, die vom NS-Regime veranlasst und im deutschen Namen begangen worden waren. Nach Kriegsende soll er noch eine Zeitlang trotzig seinen „Führer“ verteidigt haben. Die Nachrichten aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern hielt er für Propaganda der Siegermächte. Umso verstörter war er, als er die Wahrheit erkannte. Das änderte nichts daran, dass ihn die „Wendehälse“, die vor 1945 laut „Heil“ geschrien hatten und später behaupteten, immer „dagegen“ gewesen zu sein, anwiderten.

Unsere Eltern waren keine „Wendehälse“. Sie gaben zu, begeistert „dabei“ gewesen zu sein. Dass sie es bereuten, Hitler gefolgt zu sein, mussten sie uns gegenüber nicht betonen. Dadurch, dass unsere Eltern offen mit uns über die Zeit des Nationalsozialismus sprachen, lernten wir zu differenzieren.

Nach dem Krieg hatten meine Eltern zum christlichen Glauben zurückgefunden – und später auch die Liebe zu Israel entdeckt. Regelmäßig reisten sie in das „Heilige Land“ und spendeten dafür. Mein Bruder Burkhard arbeitete kurzzeitig in einem Kibbuz mit – und meine Schwester Marianne reiste mehrere Male nach Israel, um einen konservativen jüdischen Politiker im Wahlkampf zu unterstützen. Ich hatte Mühe, ihr Engagement nachzuvollziehen..

Mein Vater in den 1980er Jahren während der Predigt auf der Kanzel der evangelischen Kirche im ehemaligen Stolp

Der totale moralische Bankrott

Mein Vater war nur kurz – während des „Polen-Feldzuges“ – als Soldat an der Ostfront. Das ist vielleicht mit ein Grund, warum es ihm nach dem Krieg schwerfiel, die Berichte über die NS-Verbrechen und das Verhalten der daran beteiligten Soldaten und Wachmannschaften nachzuvollziehen. Es passte nicht zu dem, was er selbst erlebt hatte. Vor allem aber konnte er es nicht mit dem „zusammenbringen“, woran er politisch geglaubt hatte. Das erscheint uns heute – angesichts des mörderischen Charakters des NS-Systems – unfassbar.

Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht vom 8. Mai 1945 ertrug mein Vater zunächst mit bitterem Stolz. Für ihn war Deutschland ein kleines Land, das tapfer der halben Welt getrotzt hatte. Doch die Leichenberge in Auschwitz, Bergen-Belsen und anderswo verwandelten die militärische Niederlage in einen totalen moralischen Bankrott. Damit kam mein Vater lange nicht zurecht. Unserer Mutter ging es nicht viel anders. Aber das gilt wohl für viele der damaligen Deutschen. 

Heute staunen wir über das Verhalten früherer Generationen. Aber hätten wir wirklich anders gehandelt? Oft vergessen wir, wie wenig die meisten Menschen wussten – und wie wenig sie sich das, was uns heute bekannt ist, vorstellen konnten.

Mein Vater 1983 in Griechenland mit dem Akkordeon, auf dem er schon während des Krieges als Soldat gespielt hatte.