Betriebsjugendgruppe

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“? An die Zeit meiner Berufsausbildung in einer kleinen Glasformenfabrik denke ich gerne zurück. Es war eine „lehrreiche“ Zeit – und eine andere Welt als die, die ich zuvor im Hafen kennengelernt hatte. Die Fabrik stellte Werkzeuge für die Glashütten und die Kunststoffindustrie her. Es gab 80 Beschäftigte, davon drei technische Zeichner. Im Büro arbeiteten neben dem Inhaber ein Prokurist und zwei weitere Angestellte. Alle anderen waren in der Produktion tätig: als Werkzeugmacher, Dreher, Schlosser – oder Ziseleur. Fast alle gehörten der IG Metall an.

Politische Umtriebe

Zu Beginn der Ausbildung tart auch ich der IG Metall bei. Schon bald gehörte ich dem Ortsjugendausschuss der Gewerkschaft an. Gemeinsam mit anderen Lehrlingen gründete ich eine gewerkschaftliche Betriebsjugendgruppe. Von den insgesamt 14 Lehrlingen, die es in dem Betrieb gab, nahmen im Durchschnitt zehn Kollegen an den wöchentlichen Sitzungen teil, die vierzehntätig in dem „Wohngemeinschafts-Haus“ stattfanden, in dem ich seit Anfang 1976 wohnte. Wir sprachen über betriebliche, gewerkschaftliche und allgemeine politische Themen. Das geschah in der Form, dass einer von uns einen Zeitungartikel laut vorlas, über den wir anschließend diskutierten. Dazu gehörten Artikel aus nationalrevolutionären Zeitschriften bzw. Flugschriften wie „neue zeit“ (Magazin), „Rebell“ (Flugschrift für Schüler und Studenten), „Freiheitskampf“ (Flugschrift für Lehrlinge und Jungarbeiter). Wir beteiligten uns auch an einigen Demonstrationen und fuhren gemeinsam nach Brokdorf, um gegen den Bau des Atomkraftwerks zu protestieren.

DKP und MSB Spartakus

Als Gewerkschaftsmitglied erlebte ich bald, dass nicht jeder, der von der „Einheit der Arbeiterklasse“ redete und die Idee der Einheitsgewerkschaft pries, es auch wirklich so meinte. Einige Gewerkschafter, die entweder dem „Kommunistischen Bund“ (KB) oder der DDR-finanzierten „Deutschen Kommunistischen Partei“ (DKP) bzw. der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend“ (SDAJ) angehörten, unternahmen den Versuch, mich aus der Gewerkschaft und dem Ortsjugendausschuss herauszudrängen. Doch sie hatten keinen Erfolg. Das lag auch an der Unterstützung, die ich – völlig unerwartet – von sozialdemokratischen Kollegen erhielt.

Zwischendurch sah es allerdings anders aus: Einmal hatte ich gemeinsam mit einigen Kollegen Bildungsurlaub für eine Seminarwoche der Gewerkschaft beantragt. Als die Genehmigung erteilt war und wir von der Gewerkschaft „Grünes Licht“ erhielten, fuhr ich einen Tag vor der geplanten Reise zum Gewerkschaftshaus, um die Unterlagen abzuholen. Die Gewerkschafts-Kollegin händigte mir für jeden Teilnehmer einen Umschlag mit den Unterlagen aus. Nur für mich war kein Umschlag dabei. Die Kollegin ging von einem Versehen aus – und verwies auf eine spätere Seminarwoche, an der ich ersatzweise teilnehmen könne. Aber es war kein Versehen.

Meine Kollegen fuhren ohne mich. Als sie nach einer Woche zurückkehrten, erfuhr ich von ihnen, dass die von der Gewerkschaft beauftragten „Teamer“ das Seminar genutzt hätten, um gegen mich zu hetzen. Dass ich keinen Platz erhalten hatte, war Absicht gewesen. Die „Teamer“ hatten meine Teilnahme verhindert, um meine Kollegen ungestört über mich „aufklären“ zu können.

Viele „Teamer“ kamen aus dem universitären Bereich und gehörten dem „MSB Spartakus“, der Studentenorganisation der DKP, an. Wer über die Menschenrechtsverletzungen in der DDR sprach und für die deutsche Einheit eintrat, war in den Augen dieser Leute ein Feind, der „auszuschalten“ bzw. zu „isolieren“ war. Deshalb hatten sie auch keine Skrupel, mich als „Gewerkschaftsfeind“ zu diffamieren. In ihren Augen heiligte der Zweck die Mittel. Oder waren sie so verblendet, dass sie das glaubten, was sie sagten?